Nette Ausländer entdeckt – Rassismus ungültig! Die „Syrer-Retten-NPDler“ Story

 

 

Seit ein paar Tagen geistert die viel gefeierte Meldung rum, dass einige Syrer einen NPD-Politiker aus einem verunfallten Auto gerettet haben. Was will uns das sagen? Erster Gedanke: Du darfst den Syrern nicht böse sein, die wussten ja nicht wen sie da gerettet haben. Aber nein, die Moral geht anders: Dem NPD-Fuzzi sollte jetzt aber wirklich ein für allemal der Rassismus ausgetrieben sein wo doch unwiderlegbar erwiesen ist dass Syrer_innen auch ganz nett, ja richtig edel sein können.  Als wäre das das Problem am Rassismus.  Und das ist so ärgerlich.

Stellen wir uns mal vor nicht syrischer Kriegs- sondern kosovarische Armutsflüchtlinge wären Protagonist_innen der Story gewesen. Hättten Merkelseehofergabriel dann ihre nur Rhetorik gegen diese Leute eingestellt und die Gesetze geändert? Natürlich nicht, denn was man diesen Leuten vorwirft ist ja nicht dass sie nicht nett sein könnten, sondern dass sie DA sind und kein RECHT dazu haben. Das Staatsbürgerschaftsrecht unterscheidet nicht so wahnsinnig vom rechten „Ethnopluralismus“: Grundsätzlich mal sollen Leute in „ihren“ Ländern bleiben. Wenn das nicht geht dann kommen zahlreiche andere Gesetze (zB. Asylrecht) ins spiel die aussieben dass wirklich nur ganz bestimmt Leute rein dürfen (wozu sonst bräuchte man ein Asylrecht wenn nicht um 99% der Weltbevölkerung draußen zu halten?).  Die Rechten  sagen: die gehören nicht hier her, dürfen in ihren „Heimatländern“ aber ruhig genauso stolz auf sich sein wie wir hier. Das ist mehr oder weniger das gleiche. Unterscheidet sich nur im Ausmaß der Ausnahmen sie man beim „reinlassen“ macht.

Man muss überhaupt keine schlechte Meinung von den „Fremden“ (die man dafür hält)  haben um  sie draußen halten zu wollen. Der Vorwurf an diese Leute ist nicht dass sie miese Charaktere haben. Sondern dass sie nicht hier her gehören. Und deshalb geht die Moral der Syrer-retten-NPDler-Story so kilometerweit am Problem vorbei.

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Terrorismusversteher gesucht

Wennw as Schlimmes passiert dann wird interpretiert was das bedeuten soll. Ganz normal. Nu8r dass es üblich ist dass alle allen vorwerfen, zu „instrumentalisieren“ während die eigene Schlussfolgerung sich angeblich von selbst aus der Sache ergibt. Das ist natürlich Quatsch. Das ist jetzt aber auch zu allgemein gesprochen. Schauen wir uns mal ein paar Instrumentalisierungen an.

 

„Terroranschlag. Jetzt sind wir im Krieg!“

 

Ja und Nein

  1. Wenn mit „wir“ gemeint ist, dass alle angehörigen eines Staates im Krieg sind weil der Staat einen Krieg führt: Ja. Das ist aber keine neue Info. Z.B. Frankreich war zum Zeitpunkt der Paris Attacks in ca. 4 Kriege verwickelt.  Andere europäische Staaten auch und das geht schon eine ganze Weile zu. Das weiß auch Francois Hollande. Gemeint ist was anderes. Gemeint ist: „dass wir den anderen in den Garten kacken heißt noch lang nicht dass die in unseren garten kacken können.“
  2. Ich bin nicht im Krieg. Weder hat der IS mich bombardiert, noch ich ihn. Das heißt nicht dass er mir sympathisch ist, das heißt aber auch nicht dass ich ihm den Krieg erkläre – kann ich gar nicht, bin unbewaffnet. Das heißt nur dass Bild und Merkel und Hollande und alle anderen öffentlichen Lautsprecher_innen mich einfach für ihre politische Agenda eingemeinden. Das finde ich gar nicht gut und niemand wird sicherer dadurch dass in Syrien mehr westliche Bomben fallen (schon gar nicht die Leute in Syrien). Das ist für  Syrien haben die Täter von Paris geschrien. Warum sollte das eine Lüge sein? Es gibt keinen Grund zu lügen wenn man offenen Terror ausübt und der eigene Tod schon fest eingeplant ist. Stattdessen wird rumgerätselt was der „wirkliche“ Grund für den Terror ist. Antwort: die wollen ihren gegnerischen Kriegsparteien  Schaden zufügen. Da sie nicht die Gewaltmittel  haben wie in einem herkömmlichen Krieg den Militärapparat des Feindes zu schädigen greifen sie aus ihrer Schwäche heraus zum Terror. Das Prinzip Terror gegen die Zivilbevölkerung des Feindes ist Uralt: man versucht mit relativ einfachen Mitteln die Kosten des Engagements des Gegners in die Höhe zu treiben. Z.B. indem die Bevölkerung irgendwann zu den Herrschenden sagt:  Es reicht. Wir halten es nicht mehr aus. Zieht euch zurück! Deshalb die Umdeutung: „Die greifen uns nur wegen unserer Art zu leben an!“  – Die Auskunft „das ist für Syrien“  wird mehr oder weniger totgeschwiegen. Ab und zu sagen noch „Terrorexperten“ dass die Gefahr eines Anschlags mit militärischem Engagement steigt. Irgend eine Linke hat den Zusammenhang in einer Parlamentsrede hergestellt. Das war dann „unsäglich“ „geschmacklos“ usw.  Das möchte man nicht, das wird tabuisiert. Aber wie gesagt:  Der Logik des Terrors folgen und der Aussagen der Attentäter nach ist dieser Zusammenhang gar nicht unplausibel.

Die erste und Nachhaltigste Instrumentalisierung ist, dass man sich aufgrund der Geschehnisse dem Kollektiv der „westlichen Werte“ anschließen soll. Also ob man da eine Wahl hätte… Die Sache ist nur die: dieses angeblich so einige Kollektiv hat ja so manche Bruchstellen. Wenn Leute beim Kaffeetrinken oder Konzertgehen  ermordet werden, dann ist das ein Anschlag auf „unsere Art zu leben“. Unsere Art zu Leben besteht aber mehrheitlich nicht aus Müßiggang sondern Arbeit und der misslichen Lage arbeitslos zu sein. Da müssen die einen schuften  damit die anderen immer reicher werden. Und nach Feierabend und am Wochenende ist dann hin und wieder mal Zeit für genannten „Lebensarttätigkeiten“ – so man das entsprechende Geld locker machen kann, die feine Lebensart ist ja kein Gratisprodukt für feine freie Bürger_innen des „Westens“ sondern wie Alles – eine Ware produziert zum Zweck, Profit zu machen (und nicht zum Zweck „unsere Art zu leben“ zu befördern).  Wobei man ja meistens auch nicht Kaffee trinkt um eine bestimmte Art Leben zu leben. Sondern um, nunja, Kaffee zu trinken. Damit ist es aber jetzt vorbei. Das wird jetzt anders: wir müssen dieses und jenes tun sonst haben die Terroristen gewonnen. Da kommen Sachen raus, die überbieten jede Satire (ZB. http://www.faz.net/aktuell/pariser-attentate-wir-gehen-weiter-aus-13912605.html). Das Ganze gab‘s z.B. auch in der UdSSR wo jeder Mist den die Leute halt einfach gemacht haben zum Beitrag zur Sowjetmacht umgedeutet wurde: Schachspielen, Debattierrunden, Scheissarbeit verrichten, Müll von der Straße Fegen und weiß ich noch was. Im Grunde ist diese Umdeutung ja wirklich saublöd und exakt so lächerlich wie sie scheint. Aber sie gewinnt  wohl Plausibilität.

Wahrscheinlich gibt’s schon für die Formulierung „Logik des Terrors“ was auf den Deckel. Die unangenehmen Sachen möchte man immer gern ins Reich der völligen Irrationalität abdrängen und jeder Erklärungsversuch wird dann sehr leicht des Sympathisantentums verdächtigt.  Daher so Kampfbegriffe wie „Terroristebversteher_in, Russlandversteher_in,, Islamversteher_in usw. ironisch daran ist, dass das von Leuten kommt die in irgend einer Form „westliche Vernunft“ predigen. Und „Verstehen“  oder auch „Erklären“ ist doch die höchste Form der Vernunftanwendung. Aber um die Vernunft anzuwenden darf man sich halt nicht den politischen Agenden der einen oder anderen unterwerfen. Wozu auch – damit ist für die allermeisten nichts zu gewinnen.

 

 

 

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Du musst rechts Wählen

Weil die cdu nach links gerückt ist sind die rechten stark geworden. Wer cdu wählt hilft also den rechten. Wer links wählt macht die Bürger fuchsteufelswild und treibt sie in die Armen der rechten Bauernfänger. Wer links wählt wählt also rechts. Und wer rechts wählt, wählt eh rechts. Wer gar nicht wählt stärkt bekanntlich die rechten. Das muss stimmen, das hab ich in der Schule gelernt.

 

Also:

 

Wer existiert hilft den Rechten.

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Verschwörungstheorien die wahr sind (ein bisschen): „Die Antifa wird vom Staat finanziert!“

 Die harte, maximalistische Formulierung der Theorie geht ungefähr so:

 

„Die Antifa ist eine Erfindung des Staates um die Bevölkrung kleinzuhalten indem sie sie ständig an ihre Schuld am Holocaust erinnert und das Volk klein hält!“

 

Der Fehler: Natürlich ist das in der Form Blödsinn. Weder ist die Antifa eine vom Staat bestellte und gesteuerte Organisation, noch gibt es überhaupt eine einheitliche Organisation „Antifa“. Noch verdienen lokale Antifa-Gruppen Geld, sie zahlen eher drauf und machen alles ehrenamtlich. Anders sieht das mit Antifa-Referent_innen und ähnlichem bei manchen Parteien aus: Da wird letztlich immer mit Staatsknete operiert. Aber das wäre ja innerhalb der demokratischen Verfassung wieder legitim weil Parteien ja offiziell nicht den Staat sondern verschiedene Interessengruppen der Bevölkerung repräsentieren. Dass es z.B. eine Pipeline zwischen österreichischen grünen und antifakids gibt, stimmt. Spätestens wenn die antifakids dann um Parteiposten konkurrieren weil es dann auch um den Lebensunterhalt und Jobperspektiven geht, ist mit der radikalen Staatsfeindlichkeit aber sense. Wie gesagt: spätestens. Die meisten antifas sind, wenn man genau genug hinhört, ja doch ziemlich idealistische Demokratie- und Staatsfans. Der Staat „versagt“ ihnen nur zu oft. Aber das ist eine andere Story.

 

Der wahre Aspekt: Es fließen schon auch Staatsgelder in Antifastrukturen. Eine Aktivistin des Münchner Kafe Marat erzählte mir z.B. dass das Marat die Miete zumindest teilweise von der Stadt München gesponsert kriegt. (Oder ganz. Weiß ich nicht mehr). Es gibt allerlei Gegen-Rechts-Aktivitäten die der Staat mitfinanziert in denen Leute aus Antifa-Umfeld aktiv sind.

 

Empörungspotenzial (aus bürgerlicher Sicht):

Objektiv gering. Der Staat wirft ja immer noch einigermaßen mit Fördergeldern für kulturelle Aktivitäten um sich. Das ist billiger als sich selbst um alles zu kümmern. Genau zu kontrollieren wer letztlich direkt oder indirekt von dem Geld profitiert ist unmöglich. Das können Antifas sein aber auch Rechte, Kirchenleute oder Leute die es schaffen ihr Kaffeekränzchen als Gemeinwohlsti     ftend zu deklarieren. Also ist was dran, aber es ist keine Verschwörung. Schade, wie langweilig.

Ich hab auch schon „staatsfeindliche“ Linke erlebt, die Staatsgeld aus moralischen Greünden abgelehnt haben. Dafür hab ich ein Wort: Saudumm. Vorausgesetzt es gibt keine Auflagen (was selten genug der Fall ist tbh) nimmt man doch vom Gegner so viel wie möglich wenn man es für eigene Zwecke nutzen kann.

 

Was man dagegen machen könnte (aus staatlicher Sicht):

Wenig. Als Ministerin hat Kristina Köhler/Schröder ja eingeführt das gegen-Rechts-vereine usw. die Förderung beziehen, ein schriftliches Bekenntnis zur Staatstreue abgeben müssen. Kam auch, aber es gibt es eine Möglichkeit, damit umzugehen. Nennt sich „Lügen“. Kostet nix und ist sehr einfach! Einfach den Wisch unterschreiben ohne es so zu meinen -> Geld fließt!

 

Fazit:

Greift Staatskohle ab wo es geht, gerade wenn ihr gegen den Staat seid!

 

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Tove Soiland und das Unbehagen an der Kulturalisierung der Sozialtheorie

Zunächst der Vortrag:

https://www.youtube.com/watch?v=m4kWUifyKAg

[es gibt noch eine andere sehr ähnliche fassung des Vortrags auf yt, die aber am ende einen etwas anderen schwerpunkt hat und auch hörenswert ist]

Vorbemerkung: Bisschen unsortiert, ein paar Überlegungen die ich schon lang mit mir rumtrage, müssen raus:

Vorbemerkung 2: Das ist jetzt sehr lang geworden. Ich betrachte es als Sammlung mehr oder weniger ausformulierter ideen.

 

Tove Soiland formuliert hier ein Unbehagen dass ich schon länger habe, ich nenne es mal die „Kulturalisierung“ der Sozialtheorie und der linken Theorie. Darin steckt eine Umdeutung von eigentlich marxistisch fundierten Kulturtheorien, also Analysen die im Grunde mal ideologiekritisch waren oder zumindest sein sollten. Manche von ihnen formulierten durchaus Kritik an marxistischen Theoremen, z.B. am Basis-Überbau-Determinismus. Allerdings heißt das nicht dass man diese Unterscheidung gleich ganz über Bord schmeißen muss. Nur weil A B nicht streng determiniert heißt das ja nicht, dass die konzeptuelle Unterscheidung zwischen A und B überflüssig wäre. Übrigens ist die Unterscheidung ökonomische Basis – kultureller Überbau keineswegs das gleiche wie haupt- und Nebenwiderspruch – diese Unterscheidung stammt aus dem Maoismus und anders als weithin gedacht wird ist der Hauptwiderspruch in dieser Fassung keineswegs immer der zwischen Kapital und Arbeit, der Hauptwiderspruch einer Gesellschaft6 ändert sich nach Mao sogar. Das kann man sehr gut aus Georg Klaudas Vortrag zum Thema entnehmen [http://www.georgklauda.de/381/haupt-und-nebenwiderspruch-revisited-audiomitschnitt/].

Ich hab viel von den britischen und US-Cultural Studies gelesen und da gibt es immer wieder mal die Forderung man müsse sich jetzt mal von dem Marxismus befreien – das ist teilweise gar nicht so unter der Hand, sondern programmatisch. Warum eigentlich? Plausibel ist das nicht. Wenn man immer wieder mal programamtische Texte neuer Theoriebewegungen liest tauchen solche Forderungen, die Vorgänger, die Überväter müssten endlich mal überwunden werden immer wieder auf. Eine Form von Vatermord im theoretischen Übermut der Jungspunde? Das steht im Zusammenhang, Theoriegeschichte als Fortschrittgeschichte zu erzählen (-> Soiland). Und ich glaube das hat was mit der Logik der institutionalisierten Theoriebildung an Universitäten und dem damit institutionalisierten Konkurrenzkampf im kapitalistischen Wissenschaftsbetrieb zu tun. Aber man kann nicht einfach sagen: ich mag jetzt mit Marx nix mehr am Hut haben. Da muss schon ein korrektes „weil“ folgen. Und in der tat muss man fast die ganze Geschichte der europäisch/nordamerikanischen Sozialtheorie als Auseinandersetzung mit Marx lesen – mal in freundlicher, mal in feindlicher Absicht. Es gibt keine Theorie die aus deem Nichts dahererfunden wurde. Nicht mal berger/luckmann… [bei denen die ökonomie ja eine gerade zu schreiende Lücke ist. Lel. Übrigens kann an B/L sehen dass die Feststellung, Gesellschaft sei konstruiert einen keineswegs zum_zur Linken macht. Das geht auf Hellmuth Plessner zurück der hat auch schon gesagt, dass die menschlichen Institutionen konstrukte sind, die kann man auch verändern, aber: wozu denn? Die helfen doch, man muss nicht jedesmal alles von neuem konstruieren. Das ist auch gar nicht so einfach von der Hand zu weisen. ]

Cultural Studies ist eins dieser Projekte. Interessant zu lernen dass dieses Projekt bei seiner Reise vom UK in die USA zurück nach Europa „entmarxifiziert“ wurde (das ist das gleiche was ich mit Kulturalisierung meine). Das kann man besonders an der Erfindung des Begriffs „Klassismus“ ablesen. Dabei wird eine Kategorie die auf einem objektiven ökonomischen Verhältnis beruht einfach zu einer Identitätskategorie umgedeutet die irgendwie genauso durch „Normen“ konstruiert wird wie meinetwegen hetero/queer usw. Das ist irritierend und zeigt die Grenzen der dekonstruktiven Methode als politischer Widerstandsform auf: die Ausbeutung von Arbeitskraft wird kein bisschen weniger wenn ich aufhöre, die Arbeiter_innenklasse in irgendeiner Form (sprachlich) zu konstruieren. Der Kapitalismus und die daraus resultierenden Klassen sind ein objektives Verhältnis. Darin unterscheidet sich Klasse z.B. Ganz fundamental von „Rasse“. Deshalb ist ein Klassismus als Analogie zum Rassismus so irreführend und auch verkehrt. Die mit Klassenlage einhergehende Diskriminierungsform ist nicht „Klassismus“, sie ist und war die ganze Zeit schon: Kapitalismus. Klassismus als sprachliche Erscheinungsform von Aussagen a la „wenn die sich mal anstrengen würden…“ und „selber schuld wer sich nicht hocharbeitet“ würde ich größtenteils der hegemonialen Ideologie dieses Systems zuschlagen, die nennt sich „Liberalismus“.

Nur: Der Liberalismus beutet eben nicht Arbeitskraft aus und er schafft keine Armut usw. – das tun Kapitalist_innen! Das Gegengift zum Liberalismus ist Ideologiekritik, das Gegengift zum Kapitalismus ist die sozialistische Revolution.

Ich war selber lange Zeit Propagandist dieser Kulturalisierung der Sozialtheorie. Das hat auch was damit zu tun dass ich eine Weile Berfuswissenschaftler war, da ist es ja sinnvoll akademische Moden mitzumachen (aber immer kritisch!). Die Kulturtheorie/Kulturanalyse hat ja auch ihren Platz in der kritischen (mit kleinem k) Sozialtheorie in der Abteilung Ideologiekritik. Meiner Ansicht nach müsste Ideologiekritik den Job des „Antiklassismus“ miterledigen. Allein schon indem sie die Grundlage der Klassengesellschaft korrekt kritisiert, oder nicht?

Ein gewisses Erweckungserlebnis war ein Blogeintrag von Nadine Lantzsch das überschrieben war in etwa mit „Klasse – eine viel zu wenig beachtete Kategorie“ (finde ich nicht mehr, vielleicht gelöscht). Es ist alarmierend eine eindeutig der intellektuellen Linken zuzuordnenden Theoretikerin 150 Jahre nach Erscheinen des „Kapitals“ und noch längerer Zeit der Klassenkampf-Praxis meint, man müsse sich jetzt endlich erstmals Thema Klasse zuwenden. Das ist ein Symptom der Kulturalisierung vormals marxistischer Theorietraditionen. Man glaubt, Klasse neu entdecken zu müssen, diesmal als Identität. Das ist einfach überhaupt nicht Plausibel (to say the least!) (wiederholt sich die Geschichte des Klassenkonzepts als Farce?). Wenn man da genau hinschaut kommt raus, es geht bei diesem Klassenbegriff auch gar nicht um das marxsche Klassenkonzept dass sich durch die Stellung im Produktionsprozess ergibt sondern um ein anderes Wort für den selbst schon ideologischen Begriff „Schicht“ manchmal auch „Milieus“ die in ihrer „Kultur“ akzeptiert werden sollen bis zu dem Punkt wo klassenkämpferische Agitation schon eine klassistische Fremdbestimmung darstellen würde. DAS ist Ideologie.

Aber Klassenverhältnisse lassen sich nicht „dekonstruieren“, nur ihre Rechtfertigungsideologien. Wenn man das vergisst und die Kritik der Ideologie an die Stelle der materiellen Revolution setzt dann wird mir im Nachhinein ein bisschen verständlich, warum Professor Habermas seinen neostruktalistischen (Habermas‘ Deutung des poststrukturalismus) Kollegen „schlechte Zensuren wegen Neokonservatismus ausstellt“ (baudrillard oder so hat das so ähnlich gesagt. Ich gebe aber zu dass es da wahrscheinlich um was etwas anderes ging).

Der Punkt ist dass eine Ideologiekritik, die keine materielle Basis hat, selbst zur ideologie wird (es gibt aus marxistischer sich nur Ideologie oder Ideologiekritik in der Theorie. Und ich würde aus eigener Anschauung sagen dass es stimmt: Vertreter_innen nicht-marxistischer Theorieansätze neigen in der Regel irgendwie zum liberalismus oder Konservatismus. zB. Systemtheoretiker, rational-choice-anhängerinnen usw. – das können aus marxistischer Sicht nur Ideologien sein, da gibt’s auch keinen unterschied zwischen alltagstheorien und akademischen theorien.)

So gesehen muss man auch sagen dass Bourdieus Beitrag zur linken Theoriebildung eher bescheiden ist. Und es ist ja auch so dass die Distinktionsmechanismen zwischen den Klassen verschwinden. Erinnern wir uns an die hohen Herrschaften von und zu Guttenberg die große ACDC-Fans sind. Gibt es eine proletarischere Band im Universum?

Nur: die Klassen und ihr Verhältnis zueinander (was das gleiche ist btw) verschwinden nicht – das ist eine Fantasiegeschichte die Sigmar Gabriel seinen Wähler_innen erzählen kann um zu „beweisen“ wie toll sozialdemokratische Politik wirkt. Nur: Wenn man lediglich auf die kultur des Kapitalismus schaut muss man ihm das glauben… würd ich nicht. (wir erinnern uns: bei Müntefering gab‘s noch nichtmal „Schichten“!)

Das heißt alles nicht dass man sich starre Identitäten zurückwünschen soll. Das heißt nur, dass die Auflösung starrer Identitäten sich durchaus mit dem Bedarf des gegenwärtigen Stadiums des Kapitalismus deckt wie Soiland im Vortrag ja sagt. Das kriegen auch Queertheoretiker_innen mit, dass viele ihrer Ideen in staatliche und privatwirtschaftliche Steurungsbemühungen übernommen werden. Daraus kann man als Anhänger_innen dieser Theorieform zwei Konsequenzen ziehen:

  1. Man ist zufrieden und schließt sich dieser neuen Herrschaftsform an. Beispiel: Tom Schreiber, Spd-Berufspolitiker und ausgewiesener Linkenhasser und Polizeifan, der kein Problem hat sich hochoffiziell „Queer“ zu nennen.
  2. Immer neuer Verbalradikalismus in Bezug auf Queertheory (die Soiland ja thematisiert und sicher einer der prominentesten Ausläuferinnen der „Kulturalisierung“ ist. Das soll keinesfalls als Kritik an queeren Lebensweisen verstanden werden, es geht um eine Theoriedebatte hier). Kann man wenn man will auf Twitter nachlesen.

Jetzt muss man natürlich auch sagen: Die Tatsache, dass Staatsapparate eine Idee übernehmen heißt nicht automatisch, dass diese falsch ist. Sowas läuft nicht so bewußt und in klaren Fronten ab.

 

Zuletzt will ich noch eine Vermutung äußern. Die Propagierung des Kulturbegriffs steht – sicher unbeabsichtigt – womöglich im Zusammenhang mit den (nicht mehr ganz so) neuen Formen des Rassismus die sich auf Kultur beziehen. Der Kulturbegriff ändert seine Bedeutung je nachdem welchem Gegenbegriff er gegenüber steht. Also Kultur als unterschied zu Natur etwa. Oder eben die verschiedenen Kulturen. Oder Marxistisch: der kulturelle Überbau im Unterschied zur ökonomischen Basis. Oder die Befrachtung des Begriffs als analytische Restkategorie… Es wird selten genug klar gemacht was jetzt gerade genau damit gemeint ist. Meine frühere Professorin meinte mal, man könne im öffentlichen Raum in Salzburg sehr gut einen „Kulturvergleich“ zwischen „japanischer“ und „österreichischer Kultur“ machen . – Woher man denn wisse wer welcher Kultur angehöre? – Na das sehe man doch.

Kind – Brunnen. Etc.

 

Ich wollt eigentlich nur sagen: Hört Euch den Vortrag von Soiland an, er formuliert etwas was mir, wie man hier lesen kann, schwer fällt auf den Punkt zu bringen.

 

 

Noch eins: Wenn Judith Butler sagt dass Geschlechtsidentität (und andere) durch Normen bestimmt wird: welche Aussagekraft hat das? Kommt mir vor wie eine Zeitreise in die Vergangenheit der Soziologie. „Normen“ – und dann? Wenn man jetzt noch sagt, dass Normen womöglich aus dem Resultieren was Leute so tun dann…. Tja – mit den Worten der „jungen Welt“: „Als Subjekte formen wir machtvolle Gendernormen, und machtvolle Gendernormen formen uns – für die einen ist dies ein Zirkelschluss, für andere das analytische Aufzeigen neuer Handlungsmöglichkeiten.“ (https://www.jungewelt.de/2016/02-26/056.php)

 

😀

 

 

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Nassehi kann nicht rechnen: der Unsinn von der „Maskulinisierung des öffentlichen Raums“

 

Mein früherer Prof und jetzt öffentlicher Intellektueller z.A., Armin Nassehi, verbreitet Unsinn über Flüchtlinge. Eigentlich ist er gar kein Flüchtlingsfeind aber ein bisschen fürchtet er sich doch, nämlich vor der angeblichen „Maskulinisierung des öffentlichen Raums“.
Bei 745 mio Europäer_innen bringen ein paar Millionen Refugees, von denen ja längst nicht alle Männer sind, das Gleichgewicht nicht auf eine Seite.

Gleich doppelt unsinnig wird’s wenn man sich klar macht, dass die meisten ja ihre Familien nachholen wollen.

 

Dieser simple Rechnefehler wurde natürlich von Rechten bereits aufgegriffen. Das funktioniert um so besser als der wirtschaftsliberale Nassehi nicht als Flüchtlingsgegner gilt. Das Fehlurteil aus seinem Mund ist also um so besser für rechts verwertbar.

 

Also: Fallt nicht auf das rechenschwache Münchner Heissluftgebläse mit der Fleischmütze rein! Und kommt ja nicht auf die Idee ihn als Fürsprecher von irgendwie progressiven Ideen herbeizuziehen (gilt auch für andere Themen, dazu ein andermal wenn es notwendig wird, was ich nicht hoffe.).

 

Nachtrag: Damit will ich nicht gesagt haben dass die nebulöse „Maskulinisierung des öffentlichen Raums“, so sie den einträte, an sich ein Problem wäre. Ich wurde zurecht aufmerksam gemacht, dass die ganze  vorgebliche Rechnerei einen ganz anderen Kern hat: man setzt halt wieder mal ein bedrohlich klingendes Gerücht in die Welt, das rassistische Urteile befeuert. Dass es mathematisch nicht haltbar ist, ist nicht kern der Sache sondern nur ein Aspekt,  der den tieferliegenden rassistischen Grundgedanken dahinter freilegt.

Die Anhänger_innen der maskulinisierungsthese werden diese sicher jetzt nicht fallen lassen sondern umdeuten: Es ist gar nicht quantitativ gemeint sondern irgendwie kulturell.

 

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Die Kluge-Kinder-Kopierpaste (mit @henscheck)

 

Von @henscheck und @thegurkenkaiser

 

Das Form „Kluge Kinder“ ist eine Fundgrube für Ehrgeizige-Eltern-Trash (irgendwie natürlich traurig, klar) und eignet sich hervorragend als Quelle für Kopierpasten. Genug der Einleitung. Hier das Original:

„Sie hat mit 3 Jahren Judo angefangen, dass wollte sie dann nicht mehr. Dann kam Kinderturnen. Das war auch schnell uninteressant. Dann vor einem halben Jahr Flöte spielen. Aber sie will nicht üben. Eigentlich ist Üben überhaupt nicht ihr Ding! Und so klappt es dann logischerweise auch nicht mit dem Flöte spielen und dann wollte es sie nicht mehr.
Wenn ich das mit anderen Kindern in ihrer Klasse vergleiche, steigt mir fast die Schamesröte ins Gesicht. Die anderen Kids haben Hobbies, gehen in einen Verein, spielen Fussball oder ein Instrument und sind eigentlich ständig auf Achse.

Meine Tochter interessiert sich nur für ihre Rollenspiele, will Detektiv spielen und draussen rumtollen… Sie ist noch sehr verspielt für ihr Alter und auch der Kinderpsychiater meinte, dass bei ihr die Schere zwischen emotionalem Verhalten und kognitivem Können extrem weit ist. Auch in der Schule ist es ihr nicht wichtig, gute Bewertungen von der Lehrerin zu bekommen“

Original

 

Und die Elektromusik-Version:

„Sie hat mit 3 Jahren Trackermusik angefangen, dass wollte sie dann nicht mehr. Dann kam FruityLoops, das war auch schnell uninteressant. Eigentlich ist Shredden überhaupt nicht ihr Ding! Und so klappt es dann logischerweise auch nicht mit dem Acid House.
Wenn ich das mit anderen Kindern in ihrer Klasse vergleiche, steigt mir fast die Schamesröte ins Gesicht. Die anderen Kids haben 303s, gehen ins Berghain, spielen Bassdrum oder Sequencer und sind eigentlich ständig auf Acid.

Meine Tochter interessiert sich nur für ihre Volksmusik, will Tuba spielen und im Bierzelt rumtollen. Sie ist noch sehr tonal für ihr Alter und auch der Kinderpsychiater meinte, dass bei ihr die Schere zwischen eigenen Sounds und Presets extrem weit ist. Auch auf Soundcloud ist es ihr nicht wichtig, gute Bewertungen von den Usern zu bekommen.“

 

Und ein Casio-Kluges-Kind-Mashup:

„Vor 6,9 Jahren habe ich mir durch einen Geschlechtsverkehr ein hochbegabtes Mädchen geholt. Dieses war im Sommer schon schrott, weil irgendwie Herumtollereien und Detektivspiele in das Kind gekommen sind. Fand ich schon wunderlich, weil wir höchstens in Spielplatznähe waren. Kostete mich dann 100 Stunden Ballettunterricht, weil der Erzeuger dafür keine Garantie übernehmen wollte. Vor zwei Monaten hab ich sie zurückbekommen. Heute dann der nächste Schaden: gute Bewertungen von der Lehrerin sind ihr egal. Einfach so. Ohne Ehrgeiz ist das Kind aber weitgehend wertlos. Mal schauen, was der Schuldirektor sagt und ob diesmal die Hochbegabtenmasche wenigstens zieht. Ich ärgere mich nur, dass ich so viel für ein Kind ausgegeben habe, das innerhalb einer Kindheit zum zweiten Mal kaputt ist. Und mich jetzt wieder mit dem Kinderpsychiater rumärgern darf. nochmal bin ich nicht bereit, Eizellen dafür auszugeben.“

 

Update:

den Originaltext gibts jetzt auch als Song vertont: https://soundcloud.com/pierre-willscheck/plutonien-unehrgeizig-tochter-sechs-komma-neun

 

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