Kritik des Antiklassismus

Anmerkung: ich habe erst geschrieben, dass Clara Rosa die Autorin des verlinkten Podcasts ist. Ich glaub da hab ich was nicht richtig verstanden. Sie hat ihn nur empfohlen.)

Heut hab ich mich wirklich geärgert über einen „Antiklassismus“ Podcast (https://cba.fro.at/58490 9:15). Da wurde gesagt dass Uni-Absolvent_innen erfüllende tolle Jobs kriegen und Arbeiter_innen nicht.(1) Als arbeitsloser Akademiker mit Arbeitserfahrung an der Uni kann ich nur sagen: Das ist einfach falsch. Aber da weder persönliche Betroffenheit noch Wut der Argumentation dienen hab ich ein paar Argumente in der Sache. Ich beobachte dieses Antiklassismus-Zeug schon eine Weile im Internet (gibt’s ja nur da) und mach mir immer wieder Gedanken. Kurz: „Antiklassismus“ importiert liberale Ideologien über Klassenverhältnisse in die linke. Die Schwäche des Textes ist natürlich dass ich nicht alle Kritikpunkte an Zitaten belege. Weil zu faul. Geht um den Gesamteindruck.

  1. Zunächst eine sprachliche Bemerkung. Wer von Antiklassismus redet, redet schon mal nicht von Antikapitalismus. Also die Vorstellung dass das Klassensystem gegenwärtiger Gesellschaften was mit Kapitalismus zu tun hat steht schon mal nicht im Vordergrund. Eher scheint man sich Klassen als eine Diskriminierungsform analog zu Rassismus oder Sexismus zu denken. Da haben wir auch schon das erste große Problem. Während im Rassismus ein vorhandenes Merkmal wie Hautfarbe genommen wird und zum moralischen Unterscheidungsgrund erklärt wird, ist die Zugehörigkeit zur Arbeiterklasse an sich schon ein objektiver Nachteil. Das muss man nicht erst dazu erklären. Das Problem der Arbeiterklasse ist ja nicht irgendeine Ideologie, die ihnen sagt „ihr seid Mist“, sondern ihr Leben ist wirklich Mist. Der Mechanismus der der Arbeiterklasse schadet ist nicht „Klassismus“ sondern Kapitalismus. Keine Ideologie schadet der Arbeiterklasse, sondern die simple Tatsache, als Arbeiter_in existieren zu müssen. Ich hoffe ihr versteht den Unterschied. Er ist entscheidend.

Es gibt natürlich Ideologien zur Arbeiter_innenklasse. Die haben aber nicht die Funktion der Arbeiterklasse zu schaden, sondern ihr den Schaden so beizubiegen, dass sie ihn nicht als Anlass für Widerstand nehmen.

z.B.

– Arbeiterdasein ist nicht so schlecht – schaut nur mal nach Afrika. Ihr habt es eh gut. Und Reichtum macht auch nicht glücklich.

– oder: „Arbeiterinnendasein ist wirklich hart aber ihr seid die Helden die das Land am Laufen halten. Ihr bringt notwendige Opfer und anders geht’s leider nicht. Aber langsam wird’s auch für euch besser, ihr müsst nur noch mehr ranklotzen“ (Letzteres hat’s bis in die Wirtschaftswissenschaften als „trickle-down effect“ geschafft – die Entschuldigungstheorie des Kapitalismus).

– oder: „Arbeiterinnendasein ist wirklich hart aber daran sind die Ausländer/ das Ausland/ die linken/Juden/Moslems/ die Partei die den Kündigungsschutz nicht lockern will und dadurch das Wachstum hemmt schuld.“**

Aber eine Ideologie die besagt_  „das Arbeiter_innenleben ist Mist“ gibt’s nicht. Das wär ja die Wahrheit.

 

2. Der verwendete Klassenbegriff ist spalterisch und unsinnig.

Der verwende Klassenbegriff ist vor allem mal schwammig. Mal ist die „Mittelklasse“* über den Bildungsabschluss definiert, dann übers Einkommen, dann über die Art des Berufs (Was aber für diese Leute wie wir bei Clara Rosa gesehen haben, auch einfach zusammenfällt). Das ist spalterisch. Jetzt geht’s gar nicht mehr um Ausbeutungsverhältnisse sondern diejenigen die in der Lohnarbeitshierarchie weiter unten stehen sind sauer auf die, die etwas höher stehen, weil die auf sie angeblich herabblicken. Konsequent ist das nicht. Der oben genannte Podcast prangert an dass sich „Mittelklasse“ Leute Arbeiter_innenjobs holen nur damit anzugeben. Erstmal finde ich dieses Szenario reichlich weltfremd. Es widerspricht aber auch den eigenen Annahmen: ENTWEDER wird die Arbeiterklasse runtergemacht und diffamiert ODER ich kann mit einem Arbeiterklasse-Job angeben.

Falsch ist es so oder so. Klar gibt’s eine Hierarchie innerhalb der Ausgebeuteten. Aber das ist doch nicht das Werk derer die etwas mehr verdienen/ Uniabschluss haben (was auch immer). Auch höhergestellte Angestellt arbeiten doch für den Profit des Unternehmens

 

3. Doppeltes lean in

Was die Antiklassist_innnen von der Arbeiterklasse (also was sie drunter verstehen) einfordern ist ziemlich viel. Man will einen fairen Wettbewerb in der Kapitalistischen Konkurrenz der Arbeitskraftanbieter_innen (vulgo: Arbeiterklasse), da muss man sich also schon reinhängen. Aber es gibt ja noch keine Chancengleichheit innerhalb der Lohnsklaven (das stimmt ja wirklich!) Also sollen sie die durch ihren Kampf auch noch herstellen. Wenn das bewerkstelligt ist kann man durch Einsatz auf dem Arbeitsmarkt vielleicht einen der begehrten „erfüllenden“ Berufe kriegen. Falls jemand aus der authentischen Arbeiter_innenklasse mitliest: Klingt für mich nach viel Arbeit und wenig Ertrag. Das habt ihr jetzt schon. Ach so? das wußtet ihr schon? Ok.

Also ich kann von mir sagen dass ein Fairer-Chancen-Kapitalismus für mich nicht so toll klingt da ich Zweifel habe ob ich für die kapitalistische Verwertung allzu brauchbar bin. Chancengleichheit klingt für mich wie eine Drohung.

Was ist das für 1 Ziel? Dass andere unter der Brücke schlafen müssen als die. Die es jetzt müssen? Dass diejenigen die dann betroffen sind es aber wenigstens wirklich verdient haben – was dann auch alle wissen? Grausam ist das.

Übrigens: auch Grausam ist es Leuten zu empfehlen sich anzustrengen um sich in der Konkurrenz durchzusetzen. Denn das ist ja nur die andere Seite der Brücken-Sache.

(1) Es handelt sich hier soweiti ch das verstehe um die Lesung aus einem Buch nicht um Aussagen die von CL selbst stammen. Nur der Vollständigkeit halber.

*In der amtlichen Statistik in Deutschland ist „Miittelschicht“ alles oberhalb der Armutsgrenze. Also auch nicht automatisch so toll, bzw. „priviligiert“.

**Wer das nicht logisch findet soll das nicht mir anlasten sondern denen die sowas verbreiten. Ideologien sind nicht dazu gedacht, sie logisch zuende zu denken, sonst findet man womöglich ihren widerspruch.

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Über TheGurkenkaiser

Das wird man ja wohl noch verteufeln dürfen!
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