Tove Soiland und das Unbehagen an der Kulturalisierung der Sozialtheorie

Zunächst der Vortrag:

https://www.youtube.com/watch?v=m4kWUifyKAg

[es gibt noch eine andere sehr ähnliche fassung des Vortrags auf yt, die aber am ende einen etwas anderen schwerpunkt hat und auch hörenswert ist]

Vorbemerkung: Bisschen unsortiert, ein paar Überlegungen die ich schon lang mit mir rumtrage, müssen raus:

Vorbemerkung 2: Das ist jetzt sehr lang geworden. Ich betrachte es als Sammlung mehr oder weniger ausformulierter ideen.

 

Tove Soiland formuliert hier ein Unbehagen dass ich schon länger habe, ich nenne es mal die „Kulturalisierung“ der Sozialtheorie und der linken Theorie. Darin steckt eine Umdeutung von eigentlich marxistisch fundierten Kulturtheorien, also Analysen die im Grunde mal ideologiekritisch waren oder zumindest sein sollten. Manche von ihnen formulierten durchaus Kritik an marxistischen Theoremen, z.B. am Basis-Überbau-Determinismus. Allerdings heißt das nicht dass man diese Unterscheidung gleich ganz über Bord schmeißen muss. Nur weil A B nicht streng determiniert heißt das ja nicht, dass die konzeptuelle Unterscheidung zwischen A und B überflüssig wäre. Übrigens ist die Unterscheidung ökonomische Basis – kultureller Überbau keineswegs das gleiche wie haupt- und Nebenwiderspruch – diese Unterscheidung stammt aus dem Maoismus und anders als weithin gedacht wird ist der Hauptwiderspruch in dieser Fassung keineswegs immer der zwischen Kapital und Arbeit, der Hauptwiderspruch einer Gesellschaft6 ändert sich nach Mao sogar. Das kann man sehr gut aus Georg Klaudas Vortrag zum Thema entnehmen [http://www.georgklauda.de/381/haupt-und-nebenwiderspruch-revisited-audiomitschnitt/].

Ich hab viel von den britischen und US-Cultural Studies gelesen und da gibt es immer wieder mal die Forderung man müsse sich jetzt mal von dem Marxismus befreien – das ist teilweise gar nicht so unter der Hand, sondern programmatisch. Warum eigentlich? Plausibel ist das nicht. Wenn man immer wieder mal programamtische Texte neuer Theoriebewegungen liest tauchen solche Forderungen, die Vorgänger, die Überväter müssten endlich mal überwunden werden immer wieder auf. Eine Form von Vatermord im theoretischen Übermut der Jungspunde? Das steht im Zusammenhang, Theoriegeschichte als Fortschrittgeschichte zu erzählen (-> Soiland). Und ich glaube das hat was mit der Logik der institutionalisierten Theoriebildung an Universitäten und dem damit institutionalisierten Konkurrenzkampf im kapitalistischen Wissenschaftsbetrieb zu tun. Aber man kann nicht einfach sagen: ich mag jetzt mit Marx nix mehr am Hut haben. Da muss schon ein korrektes „weil“ folgen. Und in der tat muss man fast die ganze Geschichte der europäisch/nordamerikanischen Sozialtheorie als Auseinandersetzung mit Marx lesen – mal in freundlicher, mal in feindlicher Absicht. Es gibt keine Theorie die aus deem Nichts dahererfunden wurde. Nicht mal berger/luckmann… [bei denen die ökonomie ja eine gerade zu schreiende Lücke ist. Lel. Übrigens kann an B/L sehen dass die Feststellung, Gesellschaft sei konstruiert einen keineswegs zum_zur Linken macht. Das geht auf Hellmuth Plessner zurück der hat auch schon gesagt, dass die menschlichen Institutionen konstrukte sind, die kann man auch verändern, aber: wozu denn? Die helfen doch, man muss nicht jedesmal alles von neuem konstruieren. Das ist auch gar nicht so einfach von der Hand zu weisen. ]

Cultural Studies ist eins dieser Projekte. Interessant zu lernen dass dieses Projekt bei seiner Reise vom UK in die USA zurück nach Europa „entmarxifiziert“ wurde (das ist das gleiche was ich mit Kulturalisierung meine). Das kann man besonders an der Erfindung des Begriffs „Klassismus“ ablesen. Dabei wird eine Kategorie die auf einem objektiven ökonomischen Verhältnis beruht einfach zu einer Identitätskategorie umgedeutet die irgendwie genauso durch „Normen“ konstruiert wird wie meinetwegen hetero/queer usw. Das ist irritierend und zeigt die Grenzen der dekonstruktiven Methode als politischer Widerstandsform auf: die Ausbeutung von Arbeitskraft wird kein bisschen weniger wenn ich aufhöre, die Arbeiter_innenklasse in irgendeiner Form (sprachlich) zu konstruieren. Der Kapitalismus und die daraus resultierenden Klassen sind ein objektives Verhältnis. Darin unterscheidet sich Klasse z.B. Ganz fundamental von „Rasse“. Deshalb ist ein Klassismus als Analogie zum Rassismus so irreführend und auch verkehrt. Die mit Klassenlage einhergehende Diskriminierungsform ist nicht „Klassismus“, sie ist und war die ganze Zeit schon: Kapitalismus. Klassismus als sprachliche Erscheinungsform von Aussagen a la „wenn die sich mal anstrengen würden…“ und „selber schuld wer sich nicht hocharbeitet“ würde ich größtenteils der hegemonialen Ideologie dieses Systems zuschlagen, die nennt sich „Liberalismus“.

Nur: Der Liberalismus beutet eben nicht Arbeitskraft aus und er schafft keine Armut usw. – das tun Kapitalist_innen! Das Gegengift zum Liberalismus ist Ideologiekritik, das Gegengift zum Kapitalismus ist die sozialistische Revolution.

Ich war selber lange Zeit Propagandist dieser Kulturalisierung der Sozialtheorie. Das hat auch was damit zu tun dass ich eine Weile Berfuswissenschaftler war, da ist es ja sinnvoll akademische Moden mitzumachen (aber immer kritisch!). Die Kulturtheorie/Kulturanalyse hat ja auch ihren Platz in der kritischen (mit kleinem k) Sozialtheorie in der Abteilung Ideologiekritik. Meiner Ansicht nach müsste Ideologiekritik den Job des „Antiklassismus“ miterledigen. Allein schon indem sie die Grundlage der Klassengesellschaft korrekt kritisiert, oder nicht?

Ein gewisses Erweckungserlebnis war ein Blogeintrag von Nadine Lantzsch das überschrieben war in etwa mit „Klasse – eine viel zu wenig beachtete Kategorie“ (finde ich nicht mehr, vielleicht gelöscht). Es ist alarmierend eine eindeutig der intellektuellen Linken zuzuordnenden Theoretikerin 150 Jahre nach Erscheinen des „Kapitals“ und noch längerer Zeit der Klassenkampf-Praxis meint, man müsse sich jetzt endlich erstmals Thema Klasse zuwenden. Das ist ein Symptom der Kulturalisierung vormals marxistischer Theorietraditionen. Man glaubt, Klasse neu entdecken zu müssen, diesmal als Identität. Das ist einfach überhaupt nicht Plausibel (to say the least!) (wiederholt sich die Geschichte des Klassenkonzepts als Farce?). Wenn man da genau hinschaut kommt raus, es geht bei diesem Klassenbegriff auch gar nicht um das marxsche Klassenkonzept dass sich durch die Stellung im Produktionsprozess ergibt sondern um ein anderes Wort für den selbst schon ideologischen Begriff „Schicht“ manchmal auch „Milieus“ die in ihrer „Kultur“ akzeptiert werden sollen bis zu dem Punkt wo klassenkämpferische Agitation schon eine klassistische Fremdbestimmung darstellen würde. DAS ist Ideologie.

Aber Klassenverhältnisse lassen sich nicht „dekonstruieren“, nur ihre Rechtfertigungsideologien. Wenn man das vergisst und die Kritik der Ideologie an die Stelle der materiellen Revolution setzt dann wird mir im Nachhinein ein bisschen verständlich, warum Professor Habermas seinen neostruktalistischen (Habermas‘ Deutung des poststrukturalismus) Kollegen „schlechte Zensuren wegen Neokonservatismus ausstellt“ (baudrillard oder so hat das so ähnlich gesagt. Ich gebe aber zu dass es da wahrscheinlich um was etwas anderes ging).

Der Punkt ist dass eine Ideologiekritik, die keine materielle Basis hat, selbst zur ideologie wird (es gibt aus marxistischer sich nur Ideologie oder Ideologiekritik in der Theorie. Und ich würde aus eigener Anschauung sagen dass es stimmt: Vertreter_innen nicht-marxistischer Theorieansätze neigen in der Regel irgendwie zum liberalismus oder Konservatismus. zB. Systemtheoretiker, rational-choice-anhängerinnen usw. – das können aus marxistischer Sicht nur Ideologien sein, da gibt’s auch keinen unterschied zwischen alltagstheorien und akademischen theorien.)

So gesehen muss man auch sagen dass Bourdieus Beitrag zur linken Theoriebildung eher bescheiden ist. Und es ist ja auch so dass die Distinktionsmechanismen zwischen den Klassen verschwinden. Erinnern wir uns an die hohen Herrschaften von und zu Guttenberg die große ACDC-Fans sind. Gibt es eine proletarischere Band im Universum?

Nur: die Klassen und ihr Verhältnis zueinander (was das gleiche ist btw) verschwinden nicht – das ist eine Fantasiegeschichte die Sigmar Gabriel seinen Wähler_innen erzählen kann um zu „beweisen“ wie toll sozialdemokratische Politik wirkt. Nur: Wenn man lediglich auf die kultur des Kapitalismus schaut muss man ihm das glauben… würd ich nicht. (wir erinnern uns: bei Müntefering gab‘s noch nichtmal „Schichten“!)

Das heißt alles nicht dass man sich starre Identitäten zurückwünschen soll. Das heißt nur, dass die Auflösung starrer Identitäten sich durchaus mit dem Bedarf des gegenwärtigen Stadiums des Kapitalismus deckt wie Soiland im Vortrag ja sagt. Das kriegen auch Queertheoretiker_innen mit, dass viele ihrer Ideen in staatliche und privatwirtschaftliche Steurungsbemühungen übernommen werden. Daraus kann man als Anhänger_innen dieser Theorieform zwei Konsequenzen ziehen:

  1. Man ist zufrieden und schließt sich dieser neuen Herrschaftsform an. Beispiel: Tom Schreiber, Spd-Berufspolitiker und ausgewiesener Linkenhasser und Polizeifan, der kein Problem hat sich hochoffiziell „Queer“ zu nennen.
  2. Immer neuer Verbalradikalismus in Bezug auf Queertheory (die Soiland ja thematisiert und sicher einer der prominentesten Ausläuferinnen der „Kulturalisierung“ ist. Das soll keinesfalls als Kritik an queeren Lebensweisen verstanden werden, es geht um eine Theoriedebatte hier). Kann man wenn man will auf Twitter nachlesen.

Jetzt muss man natürlich auch sagen: Die Tatsache, dass Staatsapparate eine Idee übernehmen heißt nicht automatisch, dass diese falsch ist. Sowas läuft nicht so bewußt und in klaren Fronten ab.

 

Zuletzt will ich noch eine Vermutung äußern. Die Propagierung des Kulturbegriffs steht – sicher unbeabsichtigt – womöglich im Zusammenhang mit den (nicht mehr ganz so) neuen Formen des Rassismus die sich auf Kultur beziehen. Der Kulturbegriff ändert seine Bedeutung je nachdem welchem Gegenbegriff er gegenüber steht. Also Kultur als unterschied zu Natur etwa. Oder eben die verschiedenen Kulturen. Oder Marxistisch: der kulturelle Überbau im Unterschied zur ökonomischen Basis. Oder die Befrachtung des Begriffs als analytische Restkategorie… Es wird selten genug klar gemacht was jetzt gerade genau damit gemeint ist. Meine frühere Professorin meinte mal, man könne im öffentlichen Raum in Salzburg sehr gut einen „Kulturvergleich“ zwischen „japanischer“ und „österreichischer Kultur“ machen . – Woher man denn wisse wer welcher Kultur angehöre? – Na das sehe man doch.

Kind – Brunnen. Etc.

 

Ich wollt eigentlich nur sagen: Hört Euch den Vortrag von Soiland an, er formuliert etwas was mir, wie man hier lesen kann, schwer fällt auf den Punkt zu bringen.

 

 

Noch eins: Wenn Judith Butler sagt dass Geschlechtsidentität (und andere) durch Normen bestimmt wird: welche Aussagekraft hat das? Kommt mir vor wie eine Zeitreise in die Vergangenheit der Soziologie. „Normen“ – und dann? Wenn man jetzt noch sagt, dass Normen womöglich aus dem Resultieren was Leute so tun dann…. Tja – mit den Worten der „jungen Welt“: „Als Subjekte formen wir machtvolle Gendernormen, und machtvolle Gendernormen formen uns – für die einen ist dies ein Zirkelschluss, für andere das analytische Aufzeigen neuer Handlungsmöglichkeiten.“ (https://www.jungewelt.de/2016/02-26/056.php)

 

😀

 

 

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Über TheGurkenkaiser

Das wird man ja wohl noch verteufeln dürfen!
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