Den Leuten geht’s zu gut? Dann geh doch zum Arbeitgeberverband!

Gestern Abend war ich bei einem Vortrag über linke und ihre Theorien, da sagt so ein Typ – in einem linksradikalen Kontext! – „den leuten gehts zu gut!“ (1). bin immer noch auf 180. Das ist kein Einzelfall. Ich nenn sie mal „Antikonsumlinke“. Wenn man der Meinung ist, die Mehrheit der Leute hat zu viel Geld zum verkonsumieren übrig, dann sollte man eher auf die Veranstaltungen der Arbeitgeberverbände schauen. Die sind für Lohnsenkungen immer leicht zu begeistern und nicht nur das, die haben auch Methoden dieses Ziel durchzusetzen.

Es ist aber kein speziell linkes Phänomen. Die Aufforderung zum Konsumverzicht – an Lohnabhängige wohlgemerkt – findet man überall. Ein Freund der eine Gewerkschaftsschulung macht berichtet mir, man erzählt den Leuten von der immer größer werdenden Ungleichverteilung des Reichtums. Leute nicken betroffen. Das finden sie schlimm. (Zurecht!). 3 Minuten später lamentieren die selben Leute wie schlimm das ist, dass alle das neueste Telefon haben müssen. Sogar die Kinder! Vor einiger Zeit zirkulierte ein Videoausschnitt von FOX News in dem kritisiert wurde dass die Leute die behördlich als „Arm“ gelten, fast alle einen Kühlschrank haben, also nicht wirklich Arm sein könnten. Weiteres Beispiel: Rassist_innen die sich beschweren dass Refugees teure Handys haben.

Der ideologische taschenspielertrick ist jeweils der gleiche: Man greift einen vermeintlichen Luxusgegenstand raus und leitet davon ab: materiell sind die Leute bestens versorgt.

Das ist falsch.

Erstens sind Kühlschränke und Internetfähige Telefone kein Luxus sondern notwendig. Der Kühlschrank ermöglicht überhaupt erst einen 8-Stunden-Arbeitstag mit 5-Tage-Woche. Du kannst ja gar nicht immer frisch einkaufen und zubereiten wie das früher notwendigerweise mal gemacht wurde. Da steht auch die Trennung von Arbeitsplatz und Wohnraum entgegen die mit der Industrialisierung aufkam. Und vor allem: die strenge geschlechtliche Arbeitsteilung in der sie die Frau neben jeder Menge anderer Tätigkeiten Vollzeit der Reproduktionsarbeit widmen musste.

Zweitens: Smartphones sind auch kein Luxusspielzeug mehr sondern notwendig. Behördensachen, Berufliches, Einkaufen, Sozialleben usw. kannst du heutzutage ohne Internet nicht machen und ohne mobiles Internet dauert alles 3x so lang.

Obendrein gibt’s drittens weder Kühlschränke noch smartphones + Internettarif geschenkt. Und wenn eins davon kaputtgeht, das weiß jede_r, dann ist das ein riesen Stress weil man sich sofort drum kümmern muss und es ein riesen finanzielles Loch reisst. Genau übrigens wie ein kaputtes Auto, die Geburt eines Kindes usw. Selbst wer momentan das Gefühl hat, als Lohnarbeiter_in momentan gut versorgt zu sein weiß doch eigentlich, dass das ganze extrem prekär ist. Wenn der Job weg ist kann man sowas wie Kinderkriegen vergessen. D.h. selbst wer einigermaßen Versorgt ist kommt nicht aus dieser permanenten Unsicherheit raus, dass jeden Moment alles Futsch ist.

Da ist mir FOX News echt lieber. Die finden auch dass es den Leuten zu gut geht. Aber wenigstens posaunen die nicht 2 Sätze später rum, dass man den Kapitalismus abschaffen muss. Weil: wenn‘s den Leuten im Kapitalismus angeblich doch eh gut geht, sogar „zu gut“: warum? (2)

  • (1) Da merkt man schon den Blödsinn: wie kann es einem denn „zu gut“ gehen? Und was wäre schlecht daran?
  • (2) Und von den tausenden die jeden Tag verhungern und in sweatshops zu tode geschunden werden und und und war da noch nichtmal die rede!
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Über TheGurkenkaiser

Das wird man ja wohl noch verteufeln dürfen!
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3 Antworten zu Den Leuten geht’s zu gut? Dann geh doch zum Arbeitgeberverband!

  1. endolex schreibt:

    Hat dies auf endolex rebloggt.

  2. Benni schreibt:

    Es gibt ja auch in der marxistischen Tradition diese Verelendungstheorie, die davon ausgeht, dass es den Leuten nur endlich so richtig schlecht gehen müsse, damit sie endlich mal Revolution machen. Ähnlicher Quatsch.

    • TheGurkenkaiser schreibt:

      ja könnt sein dass der kommentar in dem vortrag so ähnlich gemeint war.
      Antimaterialismus gibts in allen Geschmacksrichtungen: Religiös, Konservativ, „links“. Nationalismus basiert vollkommen darauf: „Don’t ask what your country can do for you but what you can do for your country“ (jfk). Verzicht zum Zwecke der Nations ist des Nationalisten höchste Aufgabe.

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