Sprachliche Verdrehungen rund um das Thema Arbeitsmarkt

Die penetrantesten ideologischen Kuriositäten finden sich beim Reden über alles, was mit dem Arbeitsmarkt zu tun hat. Selbst gestandene Wirtschaftswissenschaftler_innen (aber auch sozen und dergleichen) stellen die Begrifflichkeiten auf den Kopf ohne dass ihnen irgendjemand widersprechen würde. Da  ist von  einem „Angebot an Arbeitsplätzen“ die Rede, das von „Arbeitssuchenden“ „nachgefragt“ werde. Das muss man sich mal vorstellen: die Seite, die gegen Geld etwas einkauft, nämlich Arbeitskraft, soll plötzlich etwas herzugeben haben.

 

Natürlich ist es genau andersrum: Die Arbeiter_innen bieten eine Ware an, die einzige, die Sie haben: Ihre Arbeitskraft. Und die Unternehmen suchen nach Arbeitskraft, die Sie verwerten können um damit mehr Geld zu machen als sie Lohn bezahlen. Letzteres ist die Grundbedingung des Einkaufs von Arbeitskraft, logicherweise. Wenn der Lohn die Produktivität der Arbeitskraft übersteigen würde oder ihr annähernd gleich wäre, könnte man es ja auch lassen. Dann gäbe es keinen Profit. Das ist die simpelste, logische Sache. Trotzdem glauben viele Leute, dass ein „guter Lohn“ der entsprechende Gegenwert für „gute Arbeit“ sei. So funktioniert kein Unternehmen der Welt im Kapitalismus!
Die Verdrehung der Bezeichnungen von Angebot und Nachfrage gewinnt ihre Plausibilität meiner Ansicht nach aus zwei Gründen:

 

1. Da es in einem funktionierenden Kapitalismus stets einen Überschuss an Arbeitskraftangebot gibt (sog. „Arbeitslosigkeit“) und
2. Es für die übergroße Mehrheit notwendig ist, ihre Arbeitskraft zu verkaufen…

 
… daher erscheint es als eine nette Sache, ein „Angebot“, wenn mich jemand einstellt.  Wenn ich auf „Arbeitssuche“ bin, suche ich in Wirklichkeit einen Nachfrager_in nach meinem Warenangebot. Man merkt wie unsinnig all diese Begriffe sind: die Arbeitskraft wohnt mir als Menschen inne, ich muss nicht nach ‚Arbeit suchen‘, ich muss einen Absatzmarkt für meine Arbeitskraft suchen. Die Alltagssprache macht aber aus dem Wort für fir Tätigkeit „Arbeit“ die Nachfrage-Funktion, den Arbeitsplatz, der dann einfach „Arbeit“ genannt wird. In der Folge wird dann auch der_die Anbieter_in der Arbeitskraft „Arbeitnehmer_in“ genannt und der_die Nachfrager_in wird zum_zur „Arbeitgeber_in“ (ich weiß dass ich nicht der erste bin der_dem das auffällt. zuerst bin ich auf diesen unsinn hingewiesen worden in Walter Krämer – „Lexikon der populären Sprachirrtümer“ oder so ähnlich. Lesenswert.) Aber es ist schon bemerkenswert, dass diese Verdrehungen ihren festen Platz in Lehrbüchern, offiziellen Statistiken und Fachartikeln hat.

 

Was davon ideologisch hängen bleibt: Diejenigen, die Arbeitskraft nachfragen und verwerten um damit Profit zu generieren, sind Gönner, Geber, tun  Gutes indem sie dringend „nachgefragte“ Arbetisplätze „hergeben“ als wäre deren Nachfrage eine knappe Ware die meistbietend verkauft würde.  Das geht in der Berichterstattung schon manchmal in Richtung karitative Heilserbingung. Da wird „Arbeit versprochen“, Garantien für „Arbeitsplatzerhalt“ abgegeben und selbst wenn Arbeitsplätze abgebaut werden müssen, dann wird das sozialverträglich gemacht, sprich, diejenigen die am dringendsten „Arbeit brauchen“ werden zuletzt gefeuert (angeblich).

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Über TheGurkenkaiser

Das wird man ja wohl noch verteufeln dürfen!
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2 Antworten zu Sprachliche Verdrehungen rund um das Thema Arbeitsmarkt

  1. endolex schreibt:

    Hat dies auf endolex rebloggt.

  2. Pingback: Froschs Blog: » Im Netz aufgefischt #223

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