Die Rede des Premierministers

14.44 Uhr. Es klingelt an der Tür. Komisch, ich erwarte gar keinen Besuch. Ich geh an die Tür, da stehen 2 Große Sonnenbebrillte Männer mit Maschinenpistolen. Ich erschrecke aber sie sagen nur: „The Prime Minister’s now in.“ Eine weniger martialisch gekleidete Frau um die 40, die ich bis eben gar nicht bemerkt habe übersetzt: „Der Premierminister ist jetzt da.“ Die beiden Soldaten betreten meine Wohnung wortlos und schieben mich beiseite. Ein dritter folgt und tastet mich von oben bis unten ab. Die drei suchen kurz meine Wohnung ab und nach etwa 3 minunten in denen ich mich nicht traue irgendwas zu sagen ausser: Äh, was…? Geben sie ein Zeichen. Dann kommt ein massiger weißhaariger älterer Mann herein. Gepflegte Frisur, exquisiter Anzug, ohne protzig zu wirken. Am Revers steckt eine Nadel in der die deutsche und die israelische Flagge ineinander übergehen, goldumrandet. Er sieht mich, nickt mir kurz kollegial zu und geht dann weiter in mein Wohnzimmer. Ich erkenne den Mann, es ist Benjamin Netanyahu. Einer der Waffenständer sagt zu mir: „The Prime Minister is now ready for his speech.“ Die Übersetzerin übersetzt: „Der Premierminister ist jetzt bereit für seine Rede.“ Das war gar nicht abgesprochen! Aus Protest gehe ich in meine Küche. Ich werde mir die Rede nicht anhören, auch nicht die Fernsehübertragung. Sicherheitshalber wird einer der Bodyguards neben meinem Küchentisch abgestellt. Ich versuche gar nicht ihn anzusprechen. Da fällt mir auf dass mein Buch noch im Wohnzimmer liegt. Wer weiß wie lang der PM spricht. Ich stehe auf und will ins Wohnzimmer gehen. Der Bodyguard stellt sich vor mich. Nicht direkt unfreundlich sagt er: „You want to listen to the PM?“ Die Dolmetscherin ist im anderen Raum. Ich verstehe trotzdem: „I need a book fromm y living room.“ – “Ok, but quiet!” – Ich: “quietly!”. Er tippt an seine maschinenpistole, ich mache eine entschuldigende Geste. Er öffnet mir die Tür. Sie quietscht. Das Quietschen mischt sich mit Applaus aus meiner Stereoanlage. Offensichtlich hat einer der Schergen einen MP3 player an meine Anlage geschloßen und lässt nun an den passenden Stellen Applaus abspielen. Ob es wirklich die passenden weiß ich nicht, denn ich hab ja nichts von der Rede gehört. Der PM blickt ob des Türgequietsches hinter seinem Stehpult auf, das die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des PM aufgestellt haben müssen. Ich hab so was nicht. Sieht teuer aus. Außerdem sitze ich in meiner Wohnung lieber. Die anderen Möbel sind an den Rand gestellt. An der Wand hängen eine deutsche und eine israelische Flagge. Das Clash-Poster ist weg. So eine Sauerei! Ich sehe mein Buch und hole es mir. Ein kurzer Blick zum PM den er erwidert. Er scheint sich zu freuen dass ich doch gekommen bin. Vielleicht ist er doch ganz nett. Fast ein bisschen mit schlechtem Gewissen hole ich mir mein Buch und bewege mich wieder zur Tür. Eigentlich würde ich auch gern den Laptop mitnehmen, aber genau davor stehen 2 Soldaten und der PM setzt schon wieder zur Rede an. Ich traue mich nicht. Der Bodyguard führt mich zurück in die Küche. Die nächsten 2 Stunden kann ich mich nicht so recht auf das Buch konzentrieren. Von nebenan dringen immer wieder Applause herein. Sie haben sogar unterschiedlich lange und ausgestaltete Applaus-Samples. Nur Klatschen, mit Yes!-Rufen usw. nach einer Weile ein lange aufbrandender Applaus der sehr lang ausklingt bis hin zu einzelnen Klatschern und dann in allgemeines Raunen und reden übergeht. Dann stille. Die Küchentür geht auf, einer der Bodyguards winkt „meinem“ Bodyguard zu. Der nickt mir pseudovertraut zu und geht. Ein dritter Bodyguard oder sowas ähnliches kommt zusammen mit der Dolmetscherin rein. „Mr. Netanyahu is very thankful and pleased for this opportunity to speak. He wishes you and your great country all the best. Unfortunately, he has to live right now for his next flight. God Bless you.” Die Dolmetscherin: “Herr Netanyahu…” – “Jaja, ich habs verstanden. Tschüß,“ entfährt es mir etwas unwirscher als ich es gemeint hatte. Alle verlassen nun meine Wohnung. Die Tür machen sie sselber hinter sich zu. Im Wohnzimmer steht alles wieder einigermaßen am selben Ort wie vorher, auch das Poster hängt wieder an der Wand. Auf meinem Schreibtisch finde ich eine Art Osternest mit israelischer Schokolade. Naja, war doch gar nicht so schlimm.

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Das wird man ja wohl noch verteufeln dürfen!
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