Der staatliche Antifaschismus: Das ultimative Wohlfühlfeature der BRD

Wie ich den ARD-„Tagesthemen“ entnehme, besuchte Angela Merkel vorgestern ein Konzentrationslager zum Gedenken an die Vernichtung der Jüdinnen und  Juden im NS. Eigentlich keine große Sache aber Merkel sei – wie die Tagesthemen mit kaum verhohlener Begeisterung berichteten – die erste deutsche Kanzlerin, die Dachau besuchte. Gleichzeitig finden an zwei anderen Orten in Deutschland rassistische Beinaheausschreitungen statt: Marzahn-Hellersdorf in Berlin und „In den Peschen“, einem überwiegend von Sinti, Roma und anderen bewohnten Wohnheim in Duisburg. Engagierte Antifaschist_innen halten hier Wache und es ist wahrscheinlich leider auch bitter nötig. Es wird niemanden überraschen, dass es hier weder Merkelbesuche gibt, noch ein Wort über die gegenwärtigen Verhältnisse in der bewussten Ausgabe der „Tagesthemen“ fällt. Das stößt mich quasi mit der Nase drauf, wie der hochoffizielle staatliche Antifaschismus in Deutschland läuft. Eine kurze Bemerkung zur Wortwahl: @ekelias hat mich mal geschimpft, weil ich den Begriff „staatlicher Antifaschismus“ verwende. Ich sehe das Problem: Kann ein Staat antifaschistisch sein, wo doch der Staat und seine Gewaltapparate unverzichtbare Grundlage des Faschismus sind? Nun ja. Die Sowjetunion war im 2. Weltkrieg ohne Zweifel ein antifaschistisch agierender Staat.  Ich lass die Frage mal offen.

Aber knüpfen wir doch gleich mal daran an. Sowjetunion: Mit 30 Millionen Toten die größte Opfergruppe im Ganzen Krieg, antifaschistischer Abwehrkrieg, Befreiung von KZs, blutig erkaufter Sieg über die nazistische Aggression. Letztere war übrigens mit einer antisemitisch durchsetzten Ideologie des Antikommunismus legitimiert worden: Goebbels erwähnte gerne den „jüdischen“ oder auch „asiatischen“ gerne auch „mongolischen Bolschewismus“ als Bedrohung für die „europäische Kultur“ (ja, der hatte die „westliche Werte“-Nummer auch schon auf’m Kasten.) Offizielles Gedenken für die sowjetischen Opfer und Leistungen im antifaschistischen Kampf? Gibt’s nicht. Die Erklärung hierfür ist ziemlich einfach: Durch den Anschluss Westdeutschlands an die Westalliierten wurde der Antikommunismus der Nazis mehr oder weniger unverändert funktional und konnte übernommen werden. Die Westalliierten setzen auch besonders zuverlässig antikommunistische Altnazis in wichtige Funktionen, z.B. in den ersten BRD-Geheimdienst „Organisation Gehlen“. Bis heute gibt es kaum ein Bewusstsein für die Problematik des Antikommunismus. Dass Antikapitalismus mitunter antisemitisch kippen kann, davor wird zu Recht gewarnt. Die enge Verknüpfung Antisemitismus-Antikommunismus ist unaufgearbeitet bis in die linke hinein (auch führende Antikommunisten in den USA entpuppten sich als antisemitisch, z.B. J. Edgar Hoover oder Richard Nixon).

Umgekehrt ist es gängig, die Sowjetunion mit den Nazis gleichzusetzen. Das bringt mich zum nächsten Punkt: die Mystifizierung des Holocaust und seine Inkonsequenzen.

Stalin mit Hitler vergleichen geht zwar, aber andererseits wird in anderen Kontexten sehr gerne auf die „Unvergleichbarkeit“, gar auf „Unerklärlichkeit“ oder „Unfassbarkeit“ gepocht. Am deutlichsten hat dies der Holocaust-Überlebende Elie Wiesel formuliert: „Auschwitz kann weder erklärt werden noch kann man es sich vorstellen […] Der Holocaust steht außerhalb der Geschichte.“ (Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Elie_Wiesel#Kritik_an_Wiesel) [1].

Das ist natürlich völlig verkehrt. Der Holocaust wurde in der Geschichte von Menschen an Menschen verübt und entsprechend kann man ihn auch rekonstruieren, verstehen und erklären. Es ist sogar fahrlässig, das zu leugnen: Was nicht vergleichbar ist, kann nicht verhindert werden, man kann keine Schlüsse daraus ziehen – höchstens rein abstrakte.

Manche würden vielleicht zu meiner Einleitung sagen: Merkel in der KZ-Gedenkstätte mit den aktuellen Ereignissen in MaHe und in den Peschen in Verbindung bringen? Darf man das überhaupt? Genau das ist der Punkt: Die BRD konstituiert sich in nicht geringem Maße als geläuterte, antifaschistische Republik. Es ist die Abgrenzung zu vorher, die ihr Legitimität verleiht (die soweit geht, andere Länder nicht nur zu belehren, sondern zur Verhinderung eines neuen Hitlers Kriege zu führen). Dazu muss der Holocaust eingezäunt und von jedem Kontext befreit werden. Deshalb der Riesenaufstand um „Vergleiche“.

Vergleichen kann man alles mit allem. MaHe ist nicht Auschwitz, aber beide haben was mit Rassismus und mit der Nation zu tun. Das war ein Vergleich. Ist jetzt die Welt untergegangen? Habe ich die Toten beleidigt? Sicher nicht. Das Vergleichsverbot ist sachlich unsinnig, aber es erfüllt einen Zweck: Das Abschneiden des Ereignisses von seinen Ursachen.

Die Nation gibt’s immer noch. Das kapitalistische Wirtschaftssystem, in dem der Faschismus gedieh, auch usw. Inkonsequent ist dieses Einzäunen, wenn es um die anderen geht: Dass diese und jene Despoten in der Welt, die DDR, die AntiFa, Hugo Chavez, die Sowjetunion nur neue Nazis sind/waren, geht ungleich leichter vom Stapel als die eigenen Gemeinsamkeiten zu benennen: Da greift der Mythos der Unvergleichbarkeit. Und er dient am wenigsten der Würde der Toten (von der Würde der gefallen Sowjetbürger_innen und Soldat_innen hab ich noch nie was gehört) und am meisten dem Selbstverständnis des antifaschistischen BRD-Staates.

Der staatliche Antifaschismus betrauert und gedenkt sehr selektiv. Und vor allem: Er interessiert sich nur für Tote; Lebende sind ausgenommen, wie man in MaHe gerade sieht. Das ist auch sehr praktisch für die herrschende Klasse. Zum einen sagt sie nichts mehr. Zum anderen muss man ja auch differenzieren: Wenn lebende Deutsche Anschlagsdrohungen gegen Geflüchtete ins Internet schreiben und den „deutschen Gruß“ zeigen, äußern Vertreter_innen der führenden Parteien durchaus Verständnis. Okay, könnte man sagen: Die meisten dieser Leute haben tatsächlich nicht viel zu lachen, es sind oft (Sub-)Proletarier_innen und Arbeitslose. Die haben eine berechtigte Wut, die sich völlig falsch äußert. Aber das meinen die SPD- und CDU-Köpfe nicht, wenn sie „Verständnis“ haben. Sie haben Verständnis dafür, dass Geflüchtete im Bezirk, wirklich eine „Belastung“ sind, die man transparent verteilen muss usw. Also: Das Problem sind nicht alle, die ökonomischen und sozialen Umstände, die eine Wut hervorbringen, die sich dann in Rassismus äußert, sondern die Geflüchteten.

Und deshalb kümmern sich Merkel und Tagesthemen und alle anderen öffentlichkeitswirksam um die bereits toten Opfer des deutschen Patriotismus, nicht aber um die, die gerade akut bedroht sind. Und daran ändern auch die nächsten Generationen an Schulklassen die in die Gedenkstätten gekarrt werden nichts. Und die Filme von Guido Knopp, und die Eröffnung neuer Gedenkstätten und die Publikation unzähliger Bücher, Schriften usw. Denn wenn der Holocaust außerhalb der Geschichte steht, unvergleichbar ist, dann kann man auch keine Schlüsse für die Gegenwart daraus ziehen. Man kann sich nur noch wohlfühlen, weil wir keinen NS-Staat mehr haben. Der Holocaust ist effektiv das Wohlfühlfeature Nr. 1 in Deutschland.

siehe auch: Tante Ösistan – Das Nazi-Etikett

Danke an @sanczny fürs Korrekturlesen!

[1] Wiesel hat in seinem Buch „Nacht“ seine Erlebnisse im KZ beschrieben. Ein eindrucksvolles Argument des Grauens. Dennoch zieht Wiesel diese falschen Schlüsse, woraus man erkennen kann, dass Miterlebt-Haben einen nicht in eine priviligierte Lage zur Erklärung setzt. Aber auch das Umgekehrte gilt nicht: Die beste mir bekannte Analyse stammt von Zygmunt Bauman („Dialektik der Ordnung“), ebenfalls Holocaustüberlebender und ganz sicher kein Mystifizierer.

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Über TheGurkenkaiser

Das wird man ja wohl noch verteufeln dürfen!
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