Die Zauberkräfte der Publikative: Wie man eine rassistische Unterscheidung benutzt ohne selbst rassistisch zu sein.

Tl;dr: Die „Publikative“ kann zaubern: Erst unterscheidet sie zwischen nützlicher und schädlicher Einwanderung. Wenn man die logik dann weiterspinnt sagen sie, dass nur Rassist_innen das tun. Dennoch halten sie sich selber nicht für rassistisch. Erklärt wird das nicht.

TL;dr 2: Schönrechnen ist kein Antirassismus!

Disclaimer: Dieser Artikel und insbesondere die Kommentare, die ich auf „publikative“ hinterlassen habe sind unter extremer Wut entstanden. Dennoch habe ich versucht so sachlich wie möglich zu bleiben. Teilweise hat meine sprachliche Ausdrucksfähigkeit darunter gelitten. Die logische Denkfähigkeit glücklicherweise nicht. Wut kann auch entstehen, wenn die Regeln der korrekten Logik und Schlußfolgerung so eklatant verletzt werden wie bei der Publikative. Das ist die gute Wut!

Natürlich sehe ich auch das Problem, dass, wenn ich die nationalistische Verwertungslogik der Publikative weiterspinne, den „advocatus diaboli“ spielen muß. Aber wie soll man diesen Mist sonst vorführen?

Vorgeschichte: Die Publikative verrechnet nützliche mit schädlichen migrant_innen, das habe ich hier dokumentiert.

Ich habe daraufhin unter dem Artikel folgendes kommentiert:

„Ehrlich gemeinte Frage: Wie geht ihr mit der Parole um “Die nehmen uns die Arbeit weg!” Wie antwortet ihr da? Immerhin sagt ihr selber dass viele der Einwader_innen in Deutschland arbeiten.“

Denn wenn man vom nationalen Arbeitsmarkt schreibt muß man sich dieser Parole nun mal stellen. Zuwanderung auf einen nationalen Arbeitsmarkt erhöht die konkurrenz, das kann man nicht wegleugnen. Kann man nicht? Doch! Publikative kann und reagiert solchermaßen:

Soll das ein Witz oder ein Test sein? Auf Ideen wie “Arbeit wegnehmen” kann man nur kommen, wenn man ernsthaft meint, es gäbe eine feststehende Größe zur Verfügung stehender Arbeit x, die zufällig perfekt vollbeschäftigungsmäßig unter allen arbeitswilligen und -fähigen “Deutschen” y aufgeteilt war, bis die Migranten gekommen sind, um da was “wegzunehmen”. Dass wir so einen Blödsinn nicht noch inhaltlich wiederlegen müssen, sollte sich von selbst verstehen. Wirtschaft funktioniert etwas anders. Die USA sind das ethnisch, religiös, kulturell wohl diversifizierteste Land der Welt und das oder eines der reichsten. London ist die ethnisch, religiös, kulturell wohl diversifizierteste Stadt Europas und die oder einer der reichsten. Zufall? Wohl kaum.“

Tja, ich hätte den „blödsinn“ aber doch gerne inhaltlich widerlegt. Aber das geht scheinbar nicht. Umso lustiger die angeblichen „Gegenbeispiele“: Die USA machen die Grenzen bekanntermaßen mit rabiaten Methoden dicht, vor allem nach Mexiko. London ist die Hauptstadt des working poor. Der Verweis auf den generellen Recihtum zerfällt bei näheren hinsehen in eine extrem ungleiche Klassengesellschaft. Gerade in der Arbeiterklasse herrscht enorme Konkurrenz mit geringen Löhnen und hoher Arbeitsloigkeit und steigender prekarität („Tony Blair created 3 million new jobs. I got 4 of them“). Das weiß jede_r. Den Einwand wischt Publikative aber weg:

Den gesamten akkumulierten “Reichtum” misst man gemeinhin am BIP. Da stehen sowohl die USA als auch London sehr gut da. Dass die Verteilung dieses Reichtums nicht “gerecht” oder “gleichmäßig” vonstatten geht, ist ein völlig anderes Problem, dass Sie von uns aus gerne auf “den Kapitalismus” schieben können.

Ja, das hat mit kapitalismus zu tun. Die_der Publikativeschreiber_in verwendet den Begriff „kapitalismus(kritik)“aber polemisch um mir die Legitimität meiner Argumente abzusprechen – was wiederum kein Argument ist. Ich argumentiere ja hier nicht primär gegen Kapitalismus, sondern gegen Rassismus – was die Publikative nicht tut. Die Publikative schreibt gegen leute an die das nationale Interesse an Einwanderung bezweifeln. Nach meinen persönlichen Maßstäben ist das Rassismus oder zumindest Schützenhilfe für Rassist_innen, was die Publikative da tut.

Zurück zum Text. Nachdem die Publikative uns also erzählen will, dass Zuwanderung wirtschaftlich super ist und die Unterscheidung zwischen nützlicher und unnützer Einwanderung „von den Rassisten immer gerne propagiert[…]“ wird, stockt mir echt der Atem. Ist das ein Schuldbekenntnis? Immerhin ist es der Text der Publikative selbst, der diese Unterscheidung benutzt und affirmiert!

Daraufhin stelle ich zwei Fragen, die aber nicht mehr veröffentlicht werden:

  1. „Dann erklären sie mal wieso die EU so viel in FRONTEX investiert oder warum die USA sich einmauern? Weil sie sich selber wirtschaftlich so gerne damit schaden?
  2. Außerdem ist es doch IHR EIGENER ARTIKEL der von „belastender“ Zuwanderung erzählt. Das wollen sie jetzt „den Rassisten“ zuschieben? Meinen sie ihren autor damit?

Das sind natürlich rhetorische Fragen, weil  die Antworten auf diese Fragen sehr einfach sind, wenn man logisch denkt. Zu 2. Hab ich ja schon alles gesagt.

Steht noch die Antwort auf 1. aus: Anscheinend kommen EU und USA im Sinne der von Publikative betriebenen Rechnung darauf, dass Zuwanderung der nationalen Ökonomie wohl doch nicht immer nur zuträglich ist. Welcher Rechnung glauben wir da eher? Derjenigen, die die Nationalökonomien selbst betreiben oder einem kurzen Text bei Publikative? Meine persönliche Antwort wäre: am besten keiner von beiden  – beide propagieren das exakt gleiche Modell der Verwertung im nationalen Interesse. Womit wir wieder beim Ausgangspunkt wären. Oder ums auf eine kurze aber zu 100% richtige Parole zu bringen:

No border no nation – stop deportation!

Update:

deutschlandia!!

Das passt ins Bild: Wir reden nur mit Leuten die anständiges Deutsch können.

Ich werde bei Gelegenheit noch einen Text über die Ernte (i.e. Kommentare) machen, die man jetzt rund um den publikative-fail einfahren kann. Warten wir noch etwas ab. Aber es geht schon in richtung „Zuwanderung ist Betrug am eigenen Volk“.

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Über TheGurkenkaiser

Das wird man ja wohl noch verteufeln dürfen!
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9 Antworten zu Die Zauberkräfte der Publikative: Wie man eine rassistische Unterscheidung benutzt ohne selbst rassistisch zu sein.

  1. Weil das auf Twitter wirklich nicht funktioniert habe hier noch einmal zusammengefasst, wie ich’s verstehe: „Die Publikative verrechnet nützliche mit schädlichen migrant_innen“ – und sind allein deshalb meines Erachtens noch keine Nationalisten*. Doch da sich eine ‚Schädlichkeit‘ wiederum auf (den Nationalstaat) Deutschland bezieht bzw. auswirken würde, sind die Publ.autoren schon näher dran an der Argumentationslinie der Neuen Rechten.

    Die Frage, die mir zu all dem sofort einfällt ist die nach der Deutungshoheit über Schädlinge und Nützlinge. Wer legt das fest?

    Weil: Das von denen gebrachte Beispiel USA ist unter anderem deshalb so hervorragend, weil deren Unterhaltungsindustrie (vulgo: „Hollywood“ und Multimediamegacorps) eine Weltmacht ist. Die Unterhaltungsindustrie wiederum stützt sich auf „Kreative“ und Modetrends, die stets aus dem Untergrund der Jugendkulturen und Einwandererströme hochgefischt werden. Würde ‚Deutschland‘ einem jungen Schwarzen Asyl gewähren, der nix kann außer Beats zu basteln und gangsta zu rappen? Wäre er nützlich genug für die Ausländerbeauftragten? (Abgesehen davon, dass Dr. Dre kein echter Doktor ist.)

    • TheGurkenkaiser schreibt:

      Ah, jetzt verstehe ich was du mir auf twitter meintest. zum Glück kann ich dsas sehr konkret beantworten:

      1. „keine Nationalisten“: ich glaube hier liegt eine unklarheit der Wörter, ncht der sache vor. insofern publikative migration vom standort der nationalen interessen beurteile sind sie jedenfalls „national“ – d.h. sie stellen den nationalen rahmen mit seinen interessen nicht in frage. insofern sind die auch realistisch: Das ist der momentane rahmen den wir haben. ob man das jetzt auch „nationalistisch“ nennen würde – weiß ich ehrlich gesagt nicht. ist ne frage der nomenklatur. mir gehts jetzt um die sache. einigen wir uns auf „national“ – das ist dieser artikel auf jeden fall

      2. von welchem standpunkt wird unterschieden wer nützlich ist und wer nicht? gute frage aber ich denke, das geht vom interesse meines artikels weg. denn mir geht es ja darum, DASS es getan wird. letztendlich entscheiden darüber wohl die nationalen wirtschaftsinteresse. wenn die unterhaltungsbrache the thing ist, dann ist es eben dass. wenn die kohle und sonstwasindustrie es ist, dann braucht man halt körperlich robuste „Gastarbeiter“ die möglichst unkreativ sind damit sie nicht auf andere gedanken sind (womit ich keinesfalls sagen möchte dass GastarbeiterInnen unkreativ sind!!!). Wenn die phase der schwerindustrie vorbei ist entdeckt man halt auf einmal „integrationsprobleme“ und meint, das waren die „falschen“ immigrant_innen.

      Was nochmal unterstreicht dass an ökonomischen immigrationsinteressen so gar nichts antirassistisches ist.

      • Alles gut und schön (oder eben nicht), aber ich sehe einen Rassisten eben als jemanden, dem die Auffassung „Andersfarbige stinken!“ ausreicht, um ganze Menschengruppen zu hassen. Diese am Markt orientierte Diskriminierung ‚unwerter‘ uhm… Klassen? Kasten?… ist für mich kein Rassismus und leider auch schwieriger zu bekämpfen – zumindest, ohne „das System“ in Frage zu stellen und die Diskussion komplett zu derailen.

  2. außerdem: Wenn man der Auffassung folgt, der Mensch bzw. seine Arbeitskraft sei eine Handelsware, so lässt sich sogar noch die überstürzteste Flucht ins Ausland vor macheteschwingenden Kindersoldaten als Wirtschaftsflucht interpretieren. Denn wer sonst sollte sich um die in Sicherheit gebrachten Kinder kümmern oder später um die Wiederbesiedlung des Heimatdorfes, wenn nicht die geflohenen Arbeitsleister? Wer sollte den daheimgebliebenen Verwandten Lohnbriefe schicken von der südeuropäischen Obstplantage? usw.

  3. Pingback: Rausländer × Gruselgrotte.de

  4. alligator schreibt:

    „Diese am Markt orientierte Diskriminierung ‘unwerter’ uhm… Klassen? Kasten?… ist für mich kein Rassismus“
    Doch. Genau das ist Rassismus. Ein nützliches Werkzeug der kapitalistischen Herrschaft.

    • henteaser schreibt:

      Inwiefern? Ich kenne das selbstverstärkende Zusammenspiel, aber Klassismus und Rassismus sind doch wohl dennoch zwei Paar Schuhe. Niemand ist allein deshalb Rassist, weil ihm Bildungsstand bzw. Nutzwert ungenügend erscheinen. (Wobei ich gern Interviews mit Wirtschaftsweisen verlinkt bekäme, die EU-Grenzpolitik mit offen xenophoberen Argumenten als nur dem Verweis aufs ‚Das Boot ist voll‘-Klischee rechtfertigen.)

      • tante ösi schreibt:

        Klassenrassismus wäre das Stichwort: dass man von der gesellschaftlichen Stellung auf die Tauglichkeit des jeweiligen Menschen schließt. Dann sind die ganz oben „Leistungsträger“, und die ganz unten eben „minderwertiig“ und/oder „moralisch verkommen“.

        Das geht auch mit ganzen Nationen und Kontinenten.

        Und genau das ist Rassismus.

        Hier dazu mehr: http://gegenargumente.de/broschuere/rassismus.pdf

  5. Pingback: tante ösistan « Nützlich musst sein II «

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