Das Versagen des bürgerlichen, nationalen, kapitalistischen „Anti“rassismus: Die „Publikative“

Die Publikative demonstriert uns heute mustergültig wie Antirassismus NICHT geht, nämlich prokapitalistisch und streng nationalstaatsaffirmativ.

Wir lernen erst mal, dass die Statistiken über „Armutseinwanderung“ (Publikative) falsch interpretiert werden, denn: „Während dort jedoch lediglich die Einwandererzahlen genannt wurden, wurden in der Berichterstattung alle Zuwanderer aus diesen beiden Ländern als Armutsmigranten klassifiziert.“ Die sind aber gar nicht alle arm sondern: „Daten des Mikrozensus zeigen, dass 80% der Menschen, die seit Beginn der EU-Mitgliedschaft im Jahr 2007 aus diesen beiden Ländern nach Deutschland gekommen sind, einer Erwerbsarbeit nachgehen. Von diesen sind 22% hochqualifiziert und 46% qualifiziert.“

Das heißt: die Einwanderung ist gut, weil die Leute nicht arm sind und arbeiten. Was würde der Nazi dazu sagen? Das hier: „Die Arbeiten hier? Die Ausländer nehmen uns die Arbeitsplätze weg!“ Und in seiner eigenen Logik – die Logik die auch die Publikative übernimmt – hätte er Recht: Zuwanderung in einen national beschränkten Arbeitsmarkt erhöht jedenfalls den Konkurrenzdruck, das kann man nicht leugnen, genauso wenig wie man leugnen kann, dass es „Wirtschaftsflüchtlinge“ oder „Armutseinwanderung“ gibt – die Publikative übernimmt ja sogar das Wort völlig ohne es zu problematisieren.
Man könnte nun sagen: Na gut, aber wenigstens widerlegt der Text die Rassist_innen in ihrer eigenen Logik! Aber auch das ist falsch – indem er die Logik der nationalen Interessen aufgreift und nachrechnet reproduziert er die Unterscheidung in ein nationales „wir“ versus „Sie“ und das schlägt sich auch sprachlich wieder: „Bei diesen Zuwanderern handelt es sich häufig um Menschen mit Berufen, die wir (sic!) in Deutschland dringend benötigen.“
Der Text leistet also einer nationalchauvinistischen, rassistischen Sichtweise auf Migration Vorschub. Als Rassist_in muß ich mir ja jetzt nur Einwander_innengruppen und Jahrgänge raussuchen, die „uns™“ tatsächlich mehr kosten als Nutzen bringen. Man kann jetzt in bürgerlich-antirassistischer Manier hoffen, dass es solche nicht gibt und alle die je zu „uns™“ kamen total produktive und nützliche Mitglieder der nationalen Wirtschaftsgemeinschaft waren und sind. Dumm nur wenn rauskommt, dass das nicht immer hinhaut, tja, dann hat der Nazi wohl doch recht gehabt. Schade, kann man nix machen! Oder wie die Publikative es selbst ausdrückt: „Die Freizügigkeit innerhalb der EU kann neben vielen Vorteilen eben auch dazu führen, dass arme Menschen nach Deutschland kommen, die das deutsche Sozialsystem belasten.“ – Das kann ja nur heißen: Wenn die Kosten den Nutzen übersteigen machen wir besser wieder dicht.

Das Argument gegen diese Ökonomisierung der Migration und dem damit verbundenen Rassismus ist natürlich ein ganz anderes, ein völlig unstatistisches: Die Voraussetzungen der Rechnerei ist falsch. Es darf nicht einfach anerkannt werden, dass Arbeiter_innen in nationaler Konkurrenz stehen. Das ist kein Naturzustand der Dinge, sondern Konsequenz einer kapitalistischen, nationalstaatlich organisierten Weltgesellschaft, die die Unterscheidung Wir vs. „Ausländer“ überhaupt erst hervorbringt und auch die weitergehende Unterscheidung in „nützliche“ vs. „Wirtschaftsflüchtlinge“. Denn auch das es „Wirtschaftsflüchtlinge“ und „Armutseinwanderung“ in einer ökonomisch so ungleichen Welt gibt kann man doch nicht einfach wegleugnen oder wegrechnen. Es wäre doch absurd so zu tun als gäbe es das nicht. Der Fehler ist, in diesem Symptom ein Problem zu sehen, das man im Sinne eines vermeintlichen Gegenarguments wegrechnet.

Und deshalb ist der Text auf Publikative.org kein schlechter Antirassismus – sondern gar keiner.

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Über TheGurkenkaiser

Das wird man ja wohl noch verteufeln dürfen!
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10 Antworten zu Das Versagen des bürgerlichen, nationalen, kapitalistischen „Anti“rassismus: Die „Publikative“

  1. stefon schreibt:

    danke danke danke

  2. machichnicht schreibt:

    Als Ergänzung: Diese Unterscheidung in „nützliche“ und „unnütze“ AusländerInnen wird in der Migrationspolitik dann auch knallhart umgesetzt. Mit GreenCards etc. soll das anderswo vorhandene „gute“ Humankapital ins eigene Land gelockt werden, das „schlechte“ soll draußen bleiben – oder aber wie z.B. auf den Plantagen in Spanien illegalisiert und somit rechtlos unter besonders miesen Bedingungen arbeiten. Linksliberale/Grüne sind ja gerne stolz darauf, dass sie keine pauschalen „Ausländer raus“-Parolen vertreten – und halten sich damit oft nur zugute, dass sie die im Artikel beschriebene Kalkulation im Interesse des Kapitals nüchterner durchführen, also letztlich die besseren NationalistInnen sind.

  3. sibiuaner schreibt:

    gut auf den punkt gebracht. im migazin gab es einen artikel, der auch auf die falschen zahlen abhob (http://www.migazin.de/2013/02/22/keine-belege-fur-armutszuwanderung-aus-bulgarien-und-rumanien/) aber auf die sozialstaats-belastungs-rhetorik zumindest verzichtete. ich finde es legitim, politische hetze und falsche zahlen zu enttarnen — aber wenn die kritik an den falschen zahlen wie bei publikative die einordnung von menschen in „belastende“ und „produktive“ einwanderung reproduziert, ist sie fragwürdig. ursachen für rassismus werden so wohl schwer analysierbar bleiben.

    • TheGurkenkaiser schreibt:

      ich stimme dir zu – hetze mit falschen zahlen widerlegen ist okay. aber schau dir mal die kommentare auf publikative und ruhrbarone an: sofort fangen die leute an gegenzurechnen. man bestätigt sie in ihrer logik. und jetzt ist nur noch die frage wer hat die bessere statistik für seinen_ihren standpunkt. insofern hat der text die selektionslogik noch verstärkt, und den nationalen ihre logik bestätigt. deshalb ist dieser text wie ich schon sagt gar kein antirassismus, nichtmal schlechter oder schwacher.
      jetzt werden schon videos von reportagen gepostet in denen der „Fachkräftemangel“ widerlegt wird (den es ja wahrscheinlich so wirklich nicht gibt). am ende sagt ein betroffener:_ die immigration sei „ein verrat an der eigenen bevölkerung“. in der logik der publikative: wie könnte man ihm da widersprechen?
      das video hier: https://t.co/1g5YmNGaTP

      • sibiuaner schreibt:

        wirklich seltsam auch, wie sich publikative in seiner binären logik der guten vs. schlechten migration jetzt einigelt, sie sind sich dessen also bewusst — ist das jetzt prinzipienreiterei oder wollen die wirklich diese logik und damit solche kommentare reproduzieren frag ich mich, ich dachte die interessieren sich für ursachen von rassismus …

  4. Pingback: Die Zauberkräfte der Publikative: Wie man eine rassistische Unterscheidung benutzt ohne selbst rassistisch zu sein. | Analysehose aus, Melancholiehose an.

  5. sibiuaner schreibt:

    In einem Vortrag von 09/2011, gehalten beim Europäischen Sozialfonds, betrachtet der Publikative-Autor Thomas K. Bauer das Thema Migration sogar ausschließlich unter wirtschaftlichen Aspekten — mit Erwägungen zur Nützlichkeit aus einer nationalen Perspektive. Der Titel: „Ressource: Zuwanderer – Einwanderung steuern“, pdf: http://www.esf-hessen.de/upload/5_Bauer_Fachkr%C3%A4ftemangel_und_Migrationspolitik_frei_5415.pdf

  6. Pingback: Depublikative.org | sanczny

  7. Pingback: tante ösistan « Nützlich musst sein II «

  8. Pingback: Nationaler Konsens gegen ganz rechts? Nutzt nur denen die eh schon dazugehören | Analysehose aus, Melancholiehose an.

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