Traurig an der Bar sitzen und Bier trinken 2

Die lang erwartete Fortsetzung zum Klassiker von 2011

 

Ein Sittengemälde in drei Bieren

 1.       Bier

 Ca. 22.30 ich komme alleine an. Die Kneipe ist so ca. halbvoll. Das heißt, die Raucherabteilung ist voll, der Rest leer. Setze mich an die Bar auf der Nichtraucher_innenseite, weil da platz ist. Und ich ja nicht rauche.

Es beginnt mit einer Gruppe von Jungs die sehr provinziell wirken. Sie kommen auch aus der Provinz. Für sie ist unsere kleine Stadt eine sehr große Stadt in die man ab und zu fährt um so richtig zu feiern. „Richtig feiern“ lässt sich relativ präzise in einer komplexen Formel aus Dezibel, Promille und Umarmungen von Fremden wiedergeben. Ich bin ins Visier geraten: „HEYYY SEAVAS WO KOMMST DU HER?“ – „ich wohn hier“ – „COOL!! MIR SIND ZUM FEIERN DA!“ – „…“ – „PATTEH!“ „…“ – „SAUFEN“.

Sie sind zu dritt. Sie bestellen vier „Flügerl“ an der Bar. Oh nein. Ich muss mittrinken. Später wird man noch richtig sauer auf mich werden weil ich kein Bedürfnis auf eine Gegeneinladung verspüre. Man wird mich fragen ob ich schwul sein denn „Schwule mag ich nämlich nicht.“ Vorher wird aber noch ein bisschen angekumpelt mit rumbrüllen und unaufgefordertem Anfassen und Umarmen, inkl. Ansabbern. Das meiste was sie sagen versteh ich aber auch nicht trotz unausgesetztem Gebrüll.

2.       Bier

Etwa ein dutzend junger Frauen betritt die Kneipe. Sie sind sehr auffällig. Sie sehen ALLE unfassbar bieder aus, Typus „hässliches Entlein“ in amerikanischen Teeniefilmen der 80er-Jahre. Oder auch Typ evangelischer Kirchentag:  Strickjacken, Nickelbrille, Rock und Zopf –  „brav“ bis zum Hyperklischee. Immerhin: einige bestellen sich  ein kleines Bier!

Das unvermeidliche passiert: Die Anführerin der Mädchenbande spricht mich an. Es handelt sich um eine dieser Jungesell_innenabschiedsgesellschaften. Ich soll eine Locke spenden und meine Telefonnummer aufschreiben. Sie würde mich dann anrufen, in 10 Jahren, falls die Ehe in die Brüche gehe. Ein Brauch aus Zeiten als Leute noch 10 Jahre lang dieselbe Telefonnummern hatten. Also gut. Ich Spende Nummer und Haarpracht, muß eh mal wieder zur Friseurin. Dafür bekomme ich ein Kompliment für meine Haarpracht und ein ausgeschnittenes rotes Filzherz aber kein Bier. Hat sich nicht gelohnt.

3.       Bier

Schon seit einiger Zeit treibt sich unmittelbar neben mir am Billardtisch ein Grüppchen von ca 10 Leuten um die 30 rum. Zwei von denen verhalten sich besonders auffällig, i.e. laut. Aber im unterschied zu den Feierbuam von der Alm wirken sie akademischer. Einer (der lauteste) trägt sogar einen Anzug inkl. Roter Krawatte. Ein „vergessenes“ Namensschild an seinem Revers klärt auf: Es handelt sich um Philosophie-Doktorand_innen (nur 2 Frauen). Offensichtlich war ein Kongress an der örtlichen Uni und diese Gesellschaft liefert mir auch gleich den besten Grund nicht dort gewesen zu sein. Pubertierende Teenies auf einem Haufen und Doktorand_innen auf einem Haufen! Da merkste keinen Unterschied. Immer sind einer oder 2 Typen dabei, die die ganze Zeit das Maul aufreißen um allen zu zeigen, wie toll sie sind. Fürchterlich. Ein Grund warum ich auf keine Kongresse mehr fahre. Diese Typen glauben wahrscheinlich, dass Sie unwiderstehlich wirken. So Nerd-Coolness. Natürlich wäre ich nicht ich wenn mich deren Obermacker nicht anquatschen würde. Ich sage meinen Spruch zum Thema Philosophie:

„Hegel Sprach hungrig nach dialektischem Raster:

Wo’s paschta hat, da braucht’s  auch Antipaschta!“

(von hier http://www.youtube.com/watch?v=RlruqWKX470 bei 2:30)

„Mit Hegel hab ich mich noch nicht so beschäftigt.“ Wie Schade. Wenn ichs mir recht überlege sind mir pubertierende Teenies lieber. Was haben diese Akademiker_innen auch in meiner lieblings-proletarischen Kneipe verloren! Nun ja, eigentlich bin ich selbst Akademiker. Aber ich schäme mich wenigstens dafür.

3.1. Bonustrack: Seidel (=kleines Bier)

Neben mir lässt sich einer Vierergruppe junger Frauen, Typus „Diskoschönheit“ – Blond, hohe Schuhe, tiefer Ausschnitt. Sie bestellen umgehend irgendwas, die Barkeeperin postiert 12 (in Worten zwölf) Schnapsgläser auf der Bar.  Ich blicke ungläubig auf die Türmcheninvasion auf der Theke. Die Barkeepering füllt 4 Gläser mit weißem Pulver, 4 mit einer klaren und 4 mit einer trüben Flüssigkeit an. Eine der Trinkerinnen (die Blonde) wendet sich an mich: „Des is a Haxenspreizer“ – „o_O“ – „ja, blöder Name aber schmeckt gut. Zucker, Wodka und Zitronensaft.“ – „Aha. Prost.“

Sie stoßen zahlreich und komplex  an.

Zwei Gläser mit Zucker bleiben zurück. Wahrscheinlich auf Diät?

Dann endet der Abend und mir wurde noch mein Fahrrad geklaut. Aber das ist jetzt zu langweilig.

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Über TheGurkenkaiser

Das wird man ja wohl noch verteufeln dürfen!
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