Texte lesen, nicht Menschen: methodologische Anmerkungen zu meiner Lem-Interpretation

Wie  zu erwarten war kamen unter meinem Lem-Text auf femgeeks Rügen, dass ich den persönlichen/historischen/sonstigen Kontext der Lem-Texte in meiner Analyse ausblenden würde. Das ist richtig bemerkt. Allerdings ist dies kein Fehler meinerseits (finde ich) sondern immer Absicht. Meine methodologische vorgehensweise ist nicht aus dem Kontext heraus den Text zu erklären, sondern den Text als objektive Äußerung zu nehmen und ihn zunächst ohne den Kontext zu interpretieren. Es geht mir darum zu erschließen, was gesagt wird – in  der Hinsicht bin ich ziemlich positivistisch. Es ist mir klar, dass das was in einer intellektuellen feministischen Community 2012 als sexistisch gilt im Polen der 1950er Jahre völlig normal war. Was ist aber damit gewonnen? Ich halte dieses hermeneutische vorgehen für nicht wissens-erzeugend; hermeneutisch i.S.v. „verstehen was der/die Autor_in meint“. Es ist zirkulär: Ich erkläre aus dem Kontext die Intention des Textes und dann? Dann hab ich aber aus dem Text gar nichts gelernt! Mich interessiert gar nicht was der Autor meint, denn ich bin kein Psychologe, sondern Sozialwissenschaftler. Ich will die Sache ganz und gar umdrehen: Texte sind interessant, weil sie wiedergeben, was gesagt wird, was gesagt werden kann, wie dinge gesehen werden. Ich schließe also eher vom Text auf den Kontext als umgekehrt. Der Autor verschwindet als Faktor, seine persönliche Biografie ist irrelevant, sofern er einigermaßen populär ist hat der Text Wirkung, also eine kulturelle Bedeutung. D.h. er drückt etwas aus, was in irgend einer Form „gesagt werden muß“ (Günther Grass-reminiszenz not intended). Der Text ist sicher Äußerung einer individuellen Person, ich würde das nie leugnen. Das kann auch interessant sein, aber sozial- und kulturwissenschaftlich ist das auszublenden.

Deshalb hab ich auch drauf hingewiesen dass das Urteil „War Lem Sexist ja/nein?“ keine relevante Frage ist. Es geht nicht um Individuen. Es geht um soziale Ordnungen. Und die stecken im populären Text. Und sofern sie noch heute rezipiert werden lohnt es sich, diese zu entschlüsseln. Ich nenne es „Diskursanalyse“ unter bezug auf Michel Foucault. genauer wohl eher Analyse eines Diskurssplitters, da es sich ja nur um einen Autor handelt.

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Über TheGurkenkaiser

Das wird man ja wohl noch verteufeln dürfen!
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6 Antworten zu Texte lesen, nicht Menschen: methodologische Anmerkungen zu meiner Lem-Interpretation

  1. halfjill schreibt:

    Ich würde jetzt nur nicht unbedingt mit Diskursanalyse und so hantieren (da gehört für mich dann doch noch anderes dazu), sonder das, was du gemacht hast, ist eine von vielen Arten Literatur zu analysieren, wahrscheinlich trifft es die Beschreibung „close reading“ am nähesten. Nur den Text als solchen zu bearbeiten und nicht den_die Autor_in und dessen_deren (imaginierte) Intentionen zu betrachten ist ja auch die Art und Weise, wie die meisten modernen Literaturwissenschaftler_innen arbeiten. Ich glaube Schulunterricht hat da aber vieles versaut („Fangt doch erstmal damit an zu sagen, was ihr über Autor_in wisst…“).

  2. ihdl schreibt:

    @halfjill was meinst du damit, dass noch anderes für dich dazu gehört zur diskursanalyse?

    was mich interessiert: gehört die subjetposition, von der eine aussage getätigt wird, zur DA (ich glaube, die kritische diskursanalyse, also jäger, vlt. auch keller vertritt das so) oder interessiert es die DA nicht in dem sinne, wie der gurkenkaiser es oben beschrieb. oder kommt es auf das erkenntnisinteresse an (letztere wäre meine vermutung).

  3. lantzschi schreibt:

    Eine Verständnisfrage: Hängen Subjektposition und Erkenntnisinteresse nicht zusammen?

  4. ihdl schreibt:

    ich meinte mein erkenntnisinteresse als diskursanalytikerin. ich kann mich mehr oder weniger für die subjektposition(en) der autor_in(nen) interessieren.

  5. Odradek schreibt:

    Wenn Du schon „positivist“ bist, dann hoffentlich ein glücklicher (Archäologie des Wissens S. 182) 😉 Und – konsens -, ein plattes „Lem war ja sexist“ wäre laaangweilig.

    Hätte jetzt aber auch aus dem diskurshistorischen Bauch gesagt, die
    diskursive Policey wäre ein diskursanalytisches Powertool. Genauer ausgeführt: Das Individuum und dessen Meinung im Sinne der Hermeneutik mag aus poststrukturalistischer Sicht uninteressant sein, wir gehen schließlich von Subjektivierungsprodukten aus; daß diese Subjektivierungsprozesse und -ergebnisse wiederum dankbarer Untersuchungsgegenstand sein können nur am Rande, das hatten wir ja unter „Erkenntnisinteresse“ (*schauder*, klingt das Wort labermas-ig). Jedenfalls würde ich zwar auch das Individuum selbst diskursanalytisch nicht überschätzen – oder die Bedeutung von Texten durch biographischen Reduktionismus zerstören -, aber wenn wir als Gegenstand der „DA“ Macht-Wissenskomplexe sehen, dürfte die Auswirkung des Funktionierens von Subjektpositionierungen auf diese wichtiges zu untersuchendes Merkmal sein (wer kann wie was äußern, wie wird das zu Wahrheit usw.). Das Positionierung wäre also uninteressant, aber die Auswirkungsmechanismen von Positionierungen spannend mitzudenken.

    Gut, wie wir die methodischen „Systemgrenzen“ – auch einer Diskursanalyse –
    sinnvoll setzen ist immer schwierig und umkämpft. Insofern sei das ersteinmal als „subjektive“
    Präferenz verstanden 🙂

    Aber vielleicht brauchen wir für die Antwort „persönlichen/historischen/sonstigen Kontext“ zu miteinzubeziehen ersteinmal eine Frage und müssen dafür zunächst „Polen der 1950er Jahre“
    dekonstruieren? Das verweist auch auf die Frage, mit was für Kategorien verorten wir den Kontext – so wir ihn verorten?

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