Wie das „dritte Reich“ den deutschen Patriotismus der Gegenwart legitimiert.

Die Erzählung des deutschen Nationalismus nach 1945 – der sich selbst natürlich nicht Nationalismus nennt – geht in etwa so:

Nach dem 2. WK war jede Art von Patriotismus unmöglich – und zwar mit Recht, denn man hatte unbestreitbar schwere Schuld auf sich geladen. Man übte starke zurückhaltung bei nationalen interessen und unterließ kritik, z.B. an MigrantInnen auch da, wo sie angebracht gewesen wäre. Man lernte seine Lektion und büßte. Irgendwann so in den 90ern wurden die „Schlußstrichdebatten“ immer mehr und nach und nach bekam das Argument, man könne sich nicht ewig einen Schuldvorwurf machen wegen Hitler mehr AnhängerInnen. Außerdem erklärte man, man habe nun seine Lektion gelernt, so dass eine kritische aber Positive Haltung zur deutschen Nation wieder möglich, ja sinnvoll wäre. Es wurde argumentiert, dass sei ganz normal, sein Land zu lieben und stolz zu sein. Mehr noch: Diese Normalität führe zu einem ausgeglichenen nationalen Psychohaushalt was auch den anderen zugute käme, da man dann toleranter wäre (Dieses Argument ist nicht mehr so präsent aber das gab’s wirklich!). „Unverkrampfter/weltoffener/Aufgeklärter Patriotismus“, „Staatsbürger in Uniform“ – das sind Schlagworte die klar machen sollen, das Vaterlandsliebe/Patriotismus/Nationalismus – you name it – nicht nur nichts Nazi zu tun hat, sondern sogar das Gegenteil davon sei. Inzwischen sei der Verweis auf das dritte Reich nämlich ein Reflex von linken und anderen ewiggestrigen Spielverderber_innen, die den gänzlich positiven Nationalismus zwanghaft in Miskredit bringen wollten und die eigentlich intoleranten seien. Denn der neue Partypatriotismus sei weltoffen, unverkrampft und sogar selbstironisch („Schland“) – wo gibt’s das schon?!

— Ende der Erzählung —

Und eins stimmt ja: der Verweis auf das dritte Reich im Zusammenhang mit dem entspannten Deutschsein ist ein Trick. Aber keiner der Linken. Denn der deutsche Nationalismus hat einen ganz besonders ausgeklügelten doppelten Boden. Er verfährt sozusagen zweigleisig. Nicht nur hat man beschlossen, dass man so wie alle anderen patriotisch, stolz, etc. sein darf. Man ist das auch noch auf bessere Weise. Hier wird’s Paradox: Der deutsche Patriotismus ist ein besonders aufgeklärter und reflektierte (wegen Hitler, so geht die Erzählung!), man stellt sich nicht über die anderen wie all die anderen. Und genau damit stellt man sich über den unaufgeklärten Nationalismus bspw. Der Französ_innen, die immer wieder als Beispiel herhalten müssen. Gerade „unsere“ verkrampfte Vergangenheit macht unseren neu entdeckten* Nationalismus zum besseren Nationalismus! „Wir“ stellen uns über andere indem wir behaupten „wir“ wären fast die einzigen, die sich nicht über andere stellen – denn wir haben unsere Lektion gelernt!

Mit diesem Trick kann man in Deutschland so richtig chauvinistisch aufdrehen und dabei immer noch sich selbst und allen anderen vorlügen, man wäre vorsichtiger und zurückhaltender als die anderen.

Was ich sagen will: es sind nicht die Patriotismuskritiker_innen die die deutsche Vergangenheit benutzen um den gegenwärtigen  Nationalismus zu kritisieren. Es sind ganz normalen Nationalist_innen die ihren Nationalismus mit der deutschen Geschichte legitimieren.

Deutschland, du gerissene Sau!

*In Wirklichkeit gab es Nationalistische Momente in der deutschen Nation natürlich seit 1945 die ganze Zeit, ich sage nur „Wirtschaftsstandort Deutschland“. Das ist Standortnationalismus der in der Mainstreampressse überhaupt nie problematisiert wurde, und der auch ohne schmiereien im Gesicht und Flaggenschwenkerei auskommt

P.S. Ein wichtiger Aspekt den ich jetzt vergessen habe ist der staatlich verordnete Antifaschismus und Antirassismus der bspw. dazu führt das ein Rassismusvorwurf schwerer wiegt als Rassismus. Denn dank der gelernten Lektion aus 33ff.gibt es per Definitionem keinen Rassismus in Deutschland und jeder Antirassismus der nicht von staatlichen Stellen ausgeht ist Hoheitsbeleidigung unf „ungeheuerlich“.

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Über TheGurkenkaiser

Das wird man ja wohl noch verteufeln dürfen!
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5 Antworten zu Wie das „dritte Reich“ den deutschen Patriotismus der Gegenwart legitimiert.

  1. machichnicht schreibt:

    zustimmung – das geht ja soweit, dass damals jokkel fischer den ersten angriffskrieg von deutschem boden seit hitler ausgerechnet mit auschwitz legitimiert hat – aus „nie wieder krieg, nie wieder auschwitz“ wurde „nie wieder krieg ohne deutsche beteiligung – wegen auschwitz!“ – und der deutschen „internationalen verantwortung“.

  2. Thomas schreibt:

    Ablehnung. Schon aus dem Grund, weil deine Kritik zu einfach und trotzdem zu komplex ist. Was du beschreibst ist vielleicht die Rhetorik des politischen Mainstreams und der Mainstreammedien, doch letztlich ist es nur das, nämlich Rhetorik. Natürlich hat Deutschland immer nationale Interessen verfolgt, ob das die Westbindung in den 1950er Jahren war oder die Wiedervereinigung 1990. Dies hat Deutschland, bzw. die Bundesregierung ja nicht gemacht, um der restlichen Welt zu gefallen.

    Richtig ist, nationales wurde nach 1945 tabuisiert, Deutschlandfahnen waren nur in begrenzter Anzahl und zu besonderen Anlässen salonfähig. Dies hat sich mit der WM 2006 geändert, plötzlich konnte es offen gezeigt werden. Ja, präsentiert werden. Zwar auch ein besonderer Anlass aber in einer unbegrenzten Anzahl. Dass dies nur zu Fangesängen und Jubelstürmen für die Leistungen der DFB-Auswahl führt, glauben wohl nur naive Menschen. Natürlich haben viele damit an Dinge Nationalismus und Rassismus angeknüpft, dass dies aber nicht wirklich durchschlagend war, zeigt, dass rechtsextremistische Parteien danach nicht zugelegt haben. Auch nicht nach der EM 2008 oder der WM 2010 oder dem alljährlichen ESC. Zudem verschwindet das schwarz-rot-goldene Meer pünktlich zum Ausscheiden oder Ende der Veranstaltung. Nach der WM 2006 hat die „Bild“ für weiterwehen der Fahnen geworben, ohne Erfolg. So ist das Fahnenmeer wohl größtenteils „nur“ Fangehabe für die deutsche Auswahl.

    Was heißt das nun? Erst einmal heißt das, dass der Nationalismus das 3. Reich nicht braucht, es gibt ihn so oder so. Die Rhetorik darum und dagegen braucht ihn, wieso auch immer. Als wäre der Nationalismus zu Kaisers oder Weimarer Zeiten besser gewesen. Dem kleinen Nationalisten auf der Straße ist das egal, ihm ist auch die Fahne egal, für ihn ist nur wichtig: hier „wir“, dort „die anderen“.

    Außerdem empfinde ich es immer noch als Genugtuung, wenn auf einen Rassismus oder Antisemitismus-Vorwurf scharf reagiert wird. Dies heißt doch, dass hier richtig getroffen wurde. Jemand, der so reagiert, fühlt sich erwischt, etwas schlimmes getan zu haben und womit? Mit Recht. Wenn also der Rassismusvorwurf schwerer zu wiegen scheint als der Rassismus ist dies auch ein Zeichen, dass selbst den Rassisten ihr Rassismus peinlich ist. Und das ist doch erst einmal nichts schlechtes.

    Ich sehe mich persönlich schon als den größten Pessimisten der Welt, ich sehe schon die Welt vor dem Abgrund, weil Europa den Fiskalpakt beschlossen hat. Ich sehe schon die Demokratie in den USA für gefährdet, weil durch das Citizen-United-Urteil Unternehmen ohne Beschränkung in einen Wahlkampf eingreifen dürfen. Doch manchmal sollten die positiven Dinge gesehen werden, oder die positiven Seiten einer scheinbar negativen Medaille.

    • TheGurkenkaiser schreibt:

      Hallo Thomas,
      Danke für Deine ausführliche Antwort. Ich freu mich über die intensive Beschäftigung mit meinem Text, für völlig verkehrt halte ich Deinen Kommentar dennoch. Ich erlaube mir mal nach sprengmeister-Art vorzugehen und zentrale Eckpfeiler deiner Argumentation zum Einsturz zu bringen:

      Natürlich haben viele damit an Dinge Nationalismus und Rassismus angeknüpft, dass dies aber nicht wirklich durchschlagend war, zeigt, dass rechtsextremistische Parteien danach nicht zugelegt haben.

      Rechtsextremistische Parteien sind ja auch nicht der Heimathafen des Nationalismus. Die werden doch sogar dafür kritisiert, dass Sie dem Image der Nation schaden, dem Wirtschaftsstandort nicht dienlich sind und dringend benötigte Fachkräfte abschrecken. Außerdem sind sie „verfassungsfeindlich“. Also stören sie dem Selbstverständnis des „aufgeklärten Patriotismus“. Nein, wenn du unbedingt Parteinamen hören willst, die für den ganz normalen Nationalismus stehen: csu, spd, cdu, grüne, fdp. (Linkspartei sicher in weiten Teilen auch, aber da gibt’s immerhin einzelne Leute die besser sind). Ich sage nichts über „Rechtsextremismus“. Ich sage was über Nationalismus

      Zudem verschwindet das schwarz-rot-goldene Meer pünktlich zum Ausscheiden oder Ende der Veranstaltung.

      Ja gut, aber du zählst ja selber mehrere Anlässe auf die Dinger rauszuhängen. Dass die ständig geboten werden ist doch Teil des nationalistischen Komplexes: EM, WM, ESC, Olympia, Formel 1, … – Das Netz der Anlässe um die Nation zu affirmieren ist eng gewoben. Womit wir bei deinem größten Fehlverständnis wären (das sehr viele pflegen):

      Zwar auch ein besonderer Anlass aber in einer unbegrenzten Anzahl. Dass dies nur zu Fangesängen und Jubelstürmen für die Leistungen der DFB-Auswahl führt, glauben wohl nur naive Menschen.

      Was heißt „nur“ – genau das ist doch Nationalismus: Die Jubeln ja nicht irgendwem zu oder dem Fußball an sich. Die Jubeln in einem widerstreit der Nationen „ihrer“ nation zu. Damit wird etwas apolitisches – Fußball – mit etwas politischem – Nation – zusammengebracht. Naiv ist das, was Journalsit_innen von taz bis Faz schreiben: Das schwarzrotgold dadurch kein politisches symbol, sondern ein rein sportliches wäre. Das ist völlig verkehrt. Wie gesagt: die jubeln nationalen teams zu,und zwar nicht irgendwelchen, sondern „ihrem“. Das ganze prinzip EM/WM ist doch um nationen angelegt. Es is doch das widersinnigste auf der welt zu behaupten, das hätte dann mit nationen eigentlich gar nichts zu tun! (noch ein kleiner Hint: Wofür steht der erste Buchstabe in „DFB-Auswahl“?)

      Kurz: jedes zujubeln zur „eigenen“ Mannschaft ist nationalismus.

      Nach der WM 2006 hat die “Bild” für weiterwehen der Fahnen geworben, ohne Erfolg. So ist das Fahnenmeer wohl größtenteils “nur” Fangehabe für die deutsche Auswahl.
      Was heißt das nun? Erst einmal heißt das, dass der Nationalismus das 3. Reich nicht braucht, es gibt ihn so oder so.

      Hab ich auch nicht behauptet. Nur, dass es ihn benutzt. So funktioniert der deutsche Nationalismus, habe ich geschrieben. Dass er auch anders funktionieren könnte, dem widerspreche ich nicht. Dass er anders besser oder schlechter wäre behaupte ich auch nicht. Ist ja auch nicht so, da stimme ich dir zu.

      Außerdem empfinde ich es immer noch als Genugtuung, wenn auf einen Rassismus oder Antisemitismus-Vorwurf scharf reagiert wird. Dies heißt doch, dass hier richtig getroffen wurde. Jemand, der so reagiert, fühlt sich erwischt, etwas schlimmes getan zu haben und womit? Mit Recht. Wenn also der Rassismusvorwurf schwerer zu wiegen scheint als der Rassismus ist dies auch ein Zeichen, dass selbst den Rassisten ihr Rassismus peinlich ist. Und das ist doch erst einmal nichts schlechtes.

      Die Pointe, die ich hier beschreiben wollte ist genau umgekehrt: Es wird nicht scharf auf einen Rassismusvorwurf reagiert. Es wird auf einen imaginierten Rassismusvorwurf reagiert dergestalt dass man mit dem sich mit Verweis auf die deutsche Vergangenheit reinwäscht. Es reicht ja, eine deutschlandfahne schief anzuschauen dann hört man irgendwoher: „NUR WEGEN HITLER DÜRFEN WIR UNSER LAND NICHT LIEBEN! DAMIT MUSS ENDLICH MAL SCHLUSS SEIN!!!!!ELF“. Das ist aber keine Reaktion auf einen Vorwurf. Das ist eine Aktion, ein legitimieren des eigenen Nationalismus. Und das ist eigentlich auch schon alles was ich sagen wollte.

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