Nutzt Chancengleichheit dem Kapital?

tl;dr: faktische Chancengleichheit Nein. Das Reden davon ja.

Damit hier nicht nur Fachpublikum mitreden kann ein paar grundbegriffe:

Kulturelle Reproduktion bezeichnet die Mechanismen, dass sich gesellschaftliche Schichten/Klassen über lange zeit gleich bleiben. Auf ein Beispiel runtergebrochen: Ein Arbeiterkind hat viel weniger Chancen, Reich zu werden oder auch nur Abitur zu machen als ein Fabrikbesitzer. Man kann den Begriff auch auf andere Soziologische Trennlinien in der Gesellschaft ausweiten: Geschlecht, Ethnizität usw. (Alter eher weniger). Dabei geht es um die Verteilung von Chancen am Arbeitsmarkt oder an der Teilhabe an Wohlstand allgemein (nur um einer willkürlichen Ausweitung des Begriffs entgegenzuwirken). Der Begriff stammt wenn mich nicht alles täuscht von dem französischen Soziologen Pierre Bourdieu. Der Kern dieses theoretischen Konstrukt ist es zu erklären wieso sich in modernen gesellschaften, die sich bekanntlich „gleichheit“ oder wenigstens „Chancengleichheit“ auf die Fahne schreibt, Ungleichheit so hartnäckig hält. Und die auch noch von der (sozialen, ethnischen, klassenmäßigen) Herkunft anhängt. Was ja an sich Skandal ist und der permanenten Begründung bedarf. Die kulturelle Reproduktion erfolgt über mehr oder weniger versteckte, inoffizielle mechanismen, was nicht besagt, dass offizielle staatliche Eingriffe sie nicht begünstigen werden.

Das Ideal eine Gesellschaft, in der es zwar Ungleichheit (im einkommen, ansehen, usw.) gibt, die aber rein von der individuellen Leistung abhängen würden, nennt man Meritokratie.

Ein Marxist, dem ich von der kulturellen Reproduktion erzählte reagierte verwirrt: Das entspräche ja nicht der Logik des Kapitals. Das Kapital hätte im Fall einer perfekten Meritokratie die bestmöglichen Arbeitskräfte an der passenden Stelle, die Produktivität würde also steigen. Die faktische reproduktion sozialer ungleichheit wäre dann nicht nur linken und sozialdemokrat_innen ein dorn im auge, sondern auch den propagandist_innen des Kapitals. Klingt einleuchtend. Stimmt aber doch nicht

Das aus verschiedenen Gründen. Die unwichtigeren zuerst, der entscheidende zuletzt:

  1. Aus sicht der Agent_innen des Kapitals und auch der leitenden Angestelltenschaft ist kulturelle Reproduktion eine persönlich angenehme Sache. Die wahrscheinlichkeit, dass man selbst und der eigene Nachwuchs versorgt ist, ist hoch, es herrscht relativ hohe sicherheit über das eigene ökonomische auskommen. Die Voraussetzung ist,dass man sich davon trennen müßte, „das Kapital“ als homogenen, deterministischen Block zu verstehen. Aber wie sagt schon Marx: Kapitalist und Arbeiter sind „Charaktermasken“, also maskendie von Schauspieler_innen getragen werden. Und das sind subjekte die mit interessen ausgestattet sind. Die zu einem gewissen grad durch das kapitalverhältnis determiniert sind, aber auch das gibt es unterschiedliche gruppen. Ein Bankierssohn, der die Straße kehrt? Eher unwahrscheinlich.
  2. Eine gesamtgesellschaftliche Steigerung der Produktivität der Arbeiter_innenschaft nutzt den einzelnen Wettbewerber_innen auf Kapitaleigner_innenseite nichts, da sie für alle Wettbewerbsteilnehmer gleich ausfiele. Höheres Niveau für alle bedeutet gleiche Profitchancen für alle. Es gibt also aus dieser sicht keinen Grund, chancengleichheit zu fördern.

2.b Was die perfekte auslese von arbeitskraft angeht wird es eh schwierig: Was ist der maßstab? Die meisten einfachen produktions- und dienstleistungstätigkeiten sind eine sache des erlernens. Das kapital – wieder abstrakt gesprochen – braucht also in erster linie nachschub an arbeitskraft. Wie die im detail beschaffen ist, wie die „Talente“ verteilt liegen, das ist einfach nicht so interessant, solange es möglichkeiten gibt, druck auf die arbeiter_innenschaft auszuüben. Und das bringt mich direkt zum entscheidenden Punkt

3. Jetzt das Wichtigste: Nehmen wir an, wir hätten die perfekte Besetzung aller möglichen Stellen durch die je geeignetsten Arbeiter_innen. Das kann übrigens aus den in 2.b genannten Gründen nur ein diskursiver Zustand sein: Wir glauben, ein System zu haben, dass alle arbeiten mit den perfekt passenden leuten besetzt. Was würde das für das Verhältnis Kapital/Arbeit heißen?

Nun: Die Arbeiter_innen schaft wären in einer extrem luxuriösen Lage: Jeder Einzelne von ihnen wäre naehzu unersetzbar, zumindest nur durch inkaufnahme eines Produktivitätsverlustes. Das Kapital hat keine Arbeiter_innenreserve mehr in  der Hinterhand mit der man die Arbeitskraft noch aus den faulsten rauspressen kann. Das Prinzip Kapitalismus würde jedenfalls bei weitem nicht mehr so gut funktionieren wie unter bedingungen einer angenommenen und tatsächlich existierenden kulturellen Reproduktion.

Und deshalb widerspricht die faktische kulturelle Reproduktion der sozialen Ungleichheit nicht dem Prinzip der kapitalistischen Wirtschaft.

Und umgekehrt: deshalb widerspricht der reale Kapitalismus nicht nur dem Prinzip der Gleichheit das eh!), sondern auch dem der Chancengleichheit.

Nichtsdestotrotz dient die omnipräsente Forderung nach Chancengleichheit im Diskurs auch der Rechtfertigung der faktischen Ungleichheit. Also entweder man gibt vor sie zu bekämpfen oder man legitimiert sie indem man behauptet, es gäbe die Chancengleichheit schon.

post skriptum:

So hab ich mir das ausgedacht über mehrere Tage und während des schreibens fällt mir ein großer widerspruch gegen punkt 3 ein: Man kann den Zustand der perfekten Meritokratie auch so lesen, dass die Arbeiter_innenschaft erst recht durch den ständig nachwachsenden Nachwuchs, der ja immer neu selektiert wird, bedroht wird. damit wär mein entscheidendes Argument übern haufen geworfen. ähem naja. der/die Leser_in möge entscheiden wie er/sie jetzt damit umgeht. Ich weiß es nicht. Tut mir leid, wenn dieser Text gerade keine Definitive Welterklärung abliefert.

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Über TheGurkenkaiser

Das wird man ja wohl noch verteufeln dürfen!
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11 Antworten zu Nutzt Chancengleichheit dem Kapital?

  1. momorulez schreibt:

    Ich glaube, da steckt der Denkfehler drin, dass Du das im Rahmen einer nationalen Binnenwirtschaft diskutierst. Und da stützt die Chancengleichheits-Rhetorik als Ideologie den Staat als Garanten der Eigentumsrechte, weil dieser suggeriert, die Chancengleichheit z.B. über Grundrechte kontrafaktisch zu garantieren. Andere Elemente freilich, wie der nötige Nachschub an Arbeitskräften, wie auch der Aspekt der Rohstoffgewinnung als Basis der Produktivkraftentwicklung sind ja gar nicht mehr im nationalen, sondern im internationalen Rahmen empirisch zu analysieren. Hier hast Du ja eher das Problem in den Augen der Herrschenden – oder eben System-Nutznießer -, dass ein „Proletariat“ allenfalls zur Abschreckung dient, dass man das ratzfatz auch werden könnte halt, sonst aber immer weniger gebraucht wird, was dann ja u.a. zu den Kampagnen gegen die „Sozialhilfemütter“, „Welfare-Queens“, führt. Auch die gezielte Etablierung eines Niedrigstlohnsektors mittels Hartz IV ist in diesem Zusammenhang zu sehen.

    Soll heißen: Die in um Industrialisierung sich gruppierenden Gesellschaften brauchen die Arbeiter-Klasse und die sie stützende kulturelle Reproduktion bei einer gleichzeitigen Suggestion von Aufstiegschance, das, was wir hier haben, sind ja zu großen teilen postindustrielle Gesellschaften auf Basis hoher Qualifikation, und da sind die „Proletarier“ schlicht überflüssig. Das ist in China (Industrie) oder dem Kongo (Rohnstoffe) was ganz anderes, und gerade im letzteren Fall macht ja gar keinen Sinn mehr, so was wie „Chancengleichheit“ auch nur zu diskutieren.

    • TheGurkenkaiser schreibt:

      ich hatte in gedanken eine tatsächliche utopische gesellschaft weltweiter chancengleichheit, vor allem beim punkt 3.

  2. momorulez schreibt:

    Die würde im globalen Maßstab dem Kapitalismus widersprechen, weil die Rohstoffausbeutung dann nicht funktionieren würde, glaube ich. Die ja auch weiterhin an Grundbesitz in irgendeiner Form gekoppelt ist, wo ein Modell der Chancengleichheit ja aufgrund der Knappheit kaum denkbar ist und es da auch nicht um Arbeitsmärkte ginge.

    Sen freilich sähe sie als Ergänzung zu Märkten, wenn ich ihn richtig verstanden habe. Der würde Marktwirtschaft aber auch anders beschreiben als Du den Kapitalismus.

    • TheGurkenkaiser schreibt:

      einer meiner denkfehler ist natürlich dass es zwischen angehörigen verschiedener klassen im kapitalismus keine chancengleichheit geben kann, per definition, das wär dann einfach kein kapitalismus mehr.

      • Christoph Prüm schreibt:

        Wenn unter Chancengleichheit nur Chancengleichheit in der Bildung verstanden wird, dann nutzt diese Chancengleichheit schon sehr dem Kapital aus zwei Gründen:

        erstens ist Kapital ohne Gut (aus-)gebildete Arbeiter+Angestellten (möglichst besitzlose) nichts wert.
        zweitens lenkt die Bildungsdiskussion sehr schön von der Chancenungleichheit im Zugang zum Kapital (Erbrecht) ab.

        Der Kapitalismus wäre schon noch ein Kapitalismus wenn es einen „asset-based egalitarianism“ gäbe, aber dann wäre er erträglich. Und dann wäre er logisch richtig, zumindest das gerede von Leistungsgesellschaft hätte dann eher eine Berechtigung.

        Ds Problem das wir heute haben ist weniger der Kapiatlismus an sich, sondern die Tatsche, dass dieser mir einem anachronistischen fedalen Erbrecht gekoppelt ist. Für diese Kopplung gibt es keinen zwingenden wirtschaftstheoretischen oder wirtschaftspolitischen Grund.

      • TheGurkenkaiser schreibt:

        hallo christoph, danke für deine kommentare. aber da muß ich widersprechen: Im falle von chancengleichheit wäre der kapitalismus kein bisschen erträglicher als jetzt. Denn dann gäbe es noch immer arme, hungernde etc. nur könnte man dann sagen: Die leiden mit recht! immerhin haben wir chancengleichheit! Selber schuld! (also das, was fdp-leute jetzt schon sagen). An der tatsache der ausbeutung der arbeitskraft zum zwecke der profitmehrung fürs kapital änderte sich damit auch nichts. deshalb schließe ich mich forderungen nach chancengleichheit keinesfalls an. mein ziel ist immer Gleichheit.

        die frage in meinem blogtext war ja auch ob chancengleichheit fürs kapital besser oder schlechter wäre. eine abschaffung des kapitalismus wäre das eh nicht, da sind wir uns einig.

      • TheGurkenkaiser schreibt:

        nochwas: Ich schrieb ja dass chancengleichheit nur ein diskursiver zustand sein kann. denn die Kriterien anhand derer die Subjekte gemessen werden – also: wer hat ihre/seine chancen gut oder schlecht genutzt – müssen ja irgendwie konstruiert werden. und wer konstruiert die in der kapitalistichen arbeitsgesellschaft? natürlich diejenigen die ein interesse an der ausbeutung der arbeitskraft habe. d.h. der zustand der chancengleichheit ist so oder so einer dessen grundsätzliche regeln vom kapital diktiert werden. das ist diktatur des kapitals darüber welche talente, fähigkeiten, verhaltensweisen – letzlich menschen – lebenswert sind und welche nicht.

      • Christoph Prüm schreibt:

        könnte der Moderator netterweise meine Rechtschreibfehler einsammeln und entsorgen 🙂

        und: „Ein Erbe für Jeden“ ist die politische Antwort auf das Gesagte; findet man im Netz wenn man sucht.

        Gruß

      • Christoph schreibt:

        ich melde mich nochmal deswegen, wir sind noch nicht fertig, aber ich muss/will was arbeiten. freu mich, auch wenn wir die Dinge (noch 🙂 ) anders sehen.

        C

  3. Punkel schreibt:

    Ich denke (und das ist nebenbei das Argument meiner Mag), man muss hier zwei verschiedene Logiken trennen. Marx weist im „Kapital“ (I, 289f.) darauf hin, dass menschenrechtliche Vorstellungen von Gleichheit, auch Chancengleichheit, im Kapitalismus (als dem Modell, nicht der Realität) gegeben und umgesetzt sind. Die Logik des Kapitalismus funktioniert durchaus mit Gleichheit, und Gleichheit ist vielleicht sogar das „Schmiermittel“ des Kapitalismus, denn rein diskursiv kann mittlerweile immer auf juristische Gleichheit und Chancengleichheit verwiesen werden, wie symbolisch das auch immer sein mag. Aber da existiert natürlich auch die andere Logik, die Realität, dass es faktisch keine Gleichheit gibt, und dass jegliches Bemühen um Kapitalproduktion und -reproduktion in einem gesellschaftlichen Rahmen, der durch allgemeine Gleichheit geprägt ist, letztlich nur auf einen Fahrstuhleffekt hinauslaufen kann: wer nichts hat, kann etwas dazu verdienen, wer etwas hat, kann noch mehr bekommen. Also: die Produktion kulturellen Kapitals dient nicht nur den Arbeiter_innenkindern zu Ausgleich materieller Benachteiligung, sondern, dank ihrer universellen Verfügbarkeit, auch den Kapitalist_innen zum Ausbau ihrer privilegierten Position.
    Interessanter wäre mE die Frage, ob (ich denke, ja) und wie gerade diese Gleichheit dazu beiträgt, dass de facto eine Umverteilung von unten nach oben stattfindet…

    • Christoph Prüm schreibt:

      „Also: die Produktion kulturellen Kapitals dient nicht nur den Arbeiter_innenkindern zu Ausgleich materieller Benachteiligung, sondern, dank ihrer universellen Verfügbarkeit, auch den Kapitalist_innen zum Ausbau ihrer privilegierten Position.“

      vertehe ich das richtig, dass wir zemlich genau einer Meinung sind? freu ich mich.

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