Traurig an der Bar sitzen und Bier trinken

Gestern habe ich auf Twitter geschrieben, traurig an der Bar sitzen und Bier trinken, sei eine Sache, die zu beherrschen ich stolz sei. Das ist nicht mal nur so daher gesagt, es ist tatsächlich was dran. Vielleicht ist „Stolz“ etwas hoch gegriffen. Aber es braucht eine gewisse – man verzeihe mir den blöden Begriff – Reife, um lässig genug an der Bar zu sitzen und Bier zu trinken (ich kürze das künftig ab: tadBsuBt). Denn: geht man mit 18, 19, 20 alleine in irgendwelche Kneipen und trinkt Bier an der Bar? Ich glaube eher nicht. Es kostete mich noch Mitte 20 ziemliche Überwindung irgendwo alleine reinzugehen und dort niederzulassen. Das Horrorszenario in meinem Kopf entstammte irgend einer Szene einer Komödie: Man macht die Eingangstür auf und in dem Moment geht die Musik aus, alle Gespräche stoppen und alle drehen ihre Köpfe zum eintretenden. Ist natürlich nie auch nur annähernd passiert. Aber trotzdem ist der Moment des Eintretens ein kritischer. Je nach Tagelaune gehe ich erhobenen Hauptes, stolz meine Exzentrizität mittels eines Hutes zur Schau stellend hinein oder aber hutlos mit eher defensiver Körperhaltung, aber das ist immer seltener der Fall. Die Schüchternheit ist so tief eingefleischt, die geht nie ganz weg. Aber so wie damals ist es auch nicht mehr. Objektiv passiert allerdings gar nichts, man geht eben nur rein. Trotzdem beginnt hier der „Bar-Modus“ in Kraft zu treten. Das ist ein Konglomerat spezifischer Körperpraktiken die in Zusammenhang mit ebenso spezifischen Artefakten stehen, die erst mal beherrscht werden müssen: Barhocker, Bier- und sonstige Gläser, Garderobenhaken, Theken, Tische, Stühle, öffentliche Toiletten. Und genau der Umgang mit diesen Dingen, die nicht einfach nur bedient werden wollen wie heimische Küchengeräte, sondern mit Eleganz – wir sind hier in der Öffentlichkeit – bedient werden wollen, unter im Abendverlauf zunehmendem Alkoholeinfluss dazu. Das ist das Spezifische. Das ist das, was zu lernen 5-10 Jahre dauern kann. Greifen wir ein paar Aspekte raus, die man lernen muss, um tadbsubt standesgemäß über die Bühne zu bringen

Sitzen
Habe gelesen, dass das Sitzen auf Stühlen mit Lehnen sehr schlecht für Körperhaltung ist, Bauchmuskeln werden dauernd unter- andere Muskeln überlastet. Da wären Barhocker aus medizinischer Sicht vermutlich sinnvoller. Auch sie disponieren eine gewisse Körperhaltung und setzen einen bestimmten Körper voraus, sprich: alles andere als Barrierefrei. Da ist schon mal eine Vorauswahl der Leute, die tadbsubt können eingebaut ins Mobilar. Für alle die überhaupt so weit kommen gilt: Learning bei doing. Du kannst zu Hause üben cool dazustehen oder auf einem normalen Stuhl zu sitzen. Die lässige benutzung dieses sehr speziellen Spezial Möbels kann man nur im Feld trainieren, wenn man nicht gerade eine Heimbar im Keller hat. Wer das drauf hat und wer nervös rumrutscht ist ein absolut eindeutiger Ausweis über die Routine die jemand beim tadbsubt hat. Also: Trainiere, trainiere, trainiere!

Schauen
Blicke: Blicke sind mir ja immer wichtig. Das ist vielleicht die größte Kunst – wie schaut man gut? Ich erinner mich an meine frühen Gehversuche in Kneipen. Der Blick war immer sowas wie ein unpraktischer Körperteil, der zu sperrig ist, um ihn zu verdecken. Wo schaut man hin? Die Kunst der „civil inattention“ (Goffman) wird hier auf eine neue Stufe gehoben. „Civil inattention“ meint die Fähigkeit in Massengesellschaften keinen Kontakt aufzunehmen ohne dabei unhöflich zu wirken. Im Prinzip eine Sache die wir heutzutage sozusagen mit der Muttermilch aufnehmen, so die säugende Mutter nicht zu den Amish gehört, einer sich selbst segregierenden religiösen Gruppe, wo tatsächlich noch jede jede kennt. Aber die aufkommende Massenkultur machte neue Arten des Umgangs miteinander nötig, und nicht zuletzt die Blicke mussten sich einer neuartigen Disziplinierung untwerwerfen. Das berühmte Beispiel ist: wie sitzt man mehrere Stunden lang jemandem im Zug gegenüber ohne ihn/sie kennenzulernen? Heutzutage eine alltägliche Praxis. Damals eine neue Erfahrung. Kneipe ist ähnlich, aber etwas komplizierter. Man bildet ja sowas, wie eine temporäre Gemeinschaft. Gut, kann man sagen, im Zug aber auch. Aber: Niemand setzt sich in den Zug um jemanden kennenzulernen. In die Kneipe gehen aber durchaus Leute mit der Absicht, Bekanntschaften zu schließen. Also ist es hier ein spezielles Changieren zwischen Distanz-Wahren und Nähe-Suchen. Allzu neugieriges gucken wirkt uncool, ununterbrochenes Starren ins Bierglas wirkt langweilig, man macht sich selbst damit zum Möbelstück und nicht zum Interaktionspartner. Gucken ist schwierig in der Kneipe. Es gibt manchmal Blick-Zielscheiben wie Bildschirme mit Musikvideos (aber fast immer läuft andere Musik, womit klar wäre, dass diese Bildschirme beim Blick-Problem helfen sollen) aber wer da hinschaut setzt sich doch dem Verdacht aus, TV-Junkie zu sein. Man geht doch nicht in die Kneipe zum Fernsehen (Tv- und Tatort-Sehgemeinschaften mal ausgenommen). Also helfen die Screens gerade Umgekehrt: Ich weiße mich nicht zuletzt dadurch aus, dass ich nicht dauernd hinschaue.
Ich glaube ich habe gerade ausgeplaudert, dass ich Hintergedanken habe beim tadbsubt. Also… (Übrigens: dieser Text unterliegt einer rein männlich-heterosexuellen Perspektive. ich glaube, als Frau alleine an der Bar sitzen und Bier trinken hat immer noch eine andere Konnotation als bei Männern.)

Jemand kennenlernen / Mit jemandem Sprechen
Meine Erfahrung ist: Es braucht schon etwas oder sogar viel Routine, um für Fremde als Gesprächspartner in Frage zu kommen. Ich würde sagen, dass die Kontaktquote pro Abend bei mir kontinuierlich angestiegen ist mit einer exponentiellen Steigerung in den letzten 12 Monaten. Ich führe das einerseits auf meinen routinierten Umgang mit bereits erwähnten Praktiken, aber auch auf einen Ortswechsel in eine kleinere Stadt vor ca. 1 Jahr zurück. Je größer die Stadt, desto reserviert und Kontaktscheu die Bewohnerinnen. Das hat recht unesoterische Gründe: wie erwähnt schützt man sich in der Massenkultur vor der Vielzahl der Eindrücke (so Georg Simmel hier). Wenn die Eindrücke steigen wächst auch die Reserviertheit. Großstädtisches Partyleben ist fast schon ein Garant fürs Alleinbleiben. Berlin mal ausgenommen, da gelten andere Regeln.
Aber interessant, wie oft man von fröhlichen Jungmännergruppen aus dem Umland angesprochen wird. Man muss dann kurz sagen wer man ist, wie lange man in der Stadt schon wohnt und sich einige Sätze in deren unverständlichem Dialekt anhören. Dann bekommt man ein Getränk bezahlt und die Gruppe zieht in die nächste Kneipe.
Wenn man einen Hut oder sonstiges mäßig auffälliges trägt ist es sogar völlig unmöglich, nicht angequatscht zu werden.

Ich geb’s ja zu: interessanter sind für mich natürlich Frauenbekanntschaften. Da gibt es verschiedene Varianten. Einige male ist es mir schon passiert, dass ich herbei gewunken wurde. Dann erstmal umdrehen ob jemand anderes gemeint war. Dann hin. Aber ich erzähl noch folgende Situation, weil ich da so auf meine Geistegegenwart stolz bin:
Ich sitze im mäßig bevölkerten nichtraucherbereich des Etablissements, einige Hocker weiter 2 junge Frauen. Eine schaut ab und zu zu mir. Aber mir wird langweilig, ich gehe in den Raucherbereich und setz mich dort an die Bar. Ca. 10 min später kommt diejenige, welche vorher einige Male zu mir geblickt hat auch da hin und bestellt Bier. Sie steht direkt neben mir. Wir haben noch kein Wort gewechselt. Ich sage impulsiv quasi: „Du verfolgst mich wohl.“
Zugegeben, nicht übermäßig originell, aber hat zu einem netten Abend und sogar zu einer Bekanntschaft geführt mit den beiden.
In etwa so kann man‘s machen.

Trinken
Jetzt hab ich geschrieben: „Das Trinken an sich ist natürlich nicht das Problem.“ Ist es aber natürlich doch! Ich erinnere mich an meinen ersten Schluck Bier. Ich hätte fast gekotzt, weil es so widerlich geschmeckt hat. Und vielen anderen ging es ähnlich. Viele haben sich dann mit Hilfskonstrukten beholfen wie Saurer Apfel oder Radler. Sachen bei denen es mir heute umso mehr graust. Bier dagegen schmeckt gut. Und so unglaublich vertraut. Also ist das Trinken bestimmter Getränke nichts anderes als eine über lange Zeit eingeübte Körperpraxis. Der Würgereflex ist völlig weg. Muss man sich mal vorstellen, wie flexibel und kulturell formbar die scheinbar tiefsitzendsten Empfindungen sind.
Gehen wir aber nun davon aus: wir trinken was Alkoholisches und wir sind in einem Grad der Gewohnheit in dem oben beschriebener Abscheu nicht auftritt. Da ist die Frage eher: Wie schnell trinken? Und: Wann aufhören? Manche haben „natürliche“ Grenzen. Die jüngeren müssen irgendwann nach Hause oder haben nur so und so viel Geld und danach geht dann nix mehr. Wenn all diese Begrenzungen wegfallen. Dann tritt ein meiner Meinung nach noch ungelöstes Problem auf. Die Wann-Gehen-Frage kann ich nicht genau beantworten. Und sie stellt einen nicht nur vor ein theoretisches Problem in der Analyse, sondern auch vor ein eminentes Praxisproblem im Feld. Es scheint zwei Pole zu geben, zwischen denen sich die Lösung dieses Problems abspielt: Ich will nichts verpassen vs. Ich will schlafen. Die daraus resultierende Entscheidung ist rein subjektiv und sie ist nicht nachvollziehbar von außen. Und hinterher meist auch nicht mehr von der Entscheiderin selbst. Eins der letzten Mysterien der sonst so frustrierend rational erklärbaren Welt.

Zum Ausklang noch ein einschlägiges Video zum Thema:

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Über TheGurkenkaiser

Das wird man ja wohl noch verteufeln dürfen!
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8 Antworten zu Traurig an der Bar sitzen und Bier trinken

  1. Sammelmappe schreibt:

    Jetzt fehlt nur noch eine spezielle Schule für die Kunst des tadBsuBt.

    • TheGurkenkaiser schreibt:

      tja, der urtext dazu wäre ja jetzt gelegt.

      Glückwunsch zum ersten Kommentar auf meinem Zweitblog!

  2. Frau Lutz schreibt:

    Zunächst gratuliere ich dazu, tadBsuBt zu können. Selbst habe ich die Fähigkeit dazu noch nicht erworben, es aber auch noch nie so recht probiert, und behelfe mir stattdessen damit, recht oft allein Konzerte mit trauriger Musik zu besuchen. (Ich antwortete vorletzte Nacht schon mal, daß ich dazu ebenfalls fast zehn Jahre gebraucht habe, wer geht schon mit 20 allein auf Konzerte… Tatsächlich fehlten mir wahrscheinlich aber auch ein halbwegs ausgeprägter Musikgeschmack, für den sich das gelohnt hätte, und vor allem das Geld.) Konzertbesuche haben für mich den Vorteil, daß ich nicht das Gefühl habe, gerade nichts zu tun und auf Dinge zu warten, die sowieso nicht passieren. Wie entgeht man dem denn beim tadBsuBt? Oder ist es gerade das, was es beim tadBsuBt zu erlernen gilt?

    Jedenfalls wäre der Augenblick des Betretens des Lokals für mich ebenfalls eine Hürde. Nicht nur wegen der Vorstellung, alle würden sich womöglich nach einem umdrehen, das nur ein bißchen. Schlimmer ist noch die Möglichkeit, daß man, obwohl man nur tadBsuBt will, Bekannte antrifft. Dann steht man vor der Entscheidung: gesellt man sich dazu, obwohl sie eigentlich gerade unter oder für sich bleiben wollen? Oder setzt man sich doch traurig an die Bar und trinkt Bier, um nicht zu stören? Und wird dann freilich für einen Sonderling gehalten? Im besten Fall wird man noch eingeladen, sich bei den/dem/der Bekannten niederzulassen, was aber, wenn man mit diesem bzw. diesen Menschen eigentlich gar nichts anfangen kann? Lauter Hürden…

    Am Ende trifft man womöglich noch auf Spinne, der einem erzählt, daß es gar keinen Grund gibt, traurig zu sein. Das passierte mir gerade erst, freilich nicht an der Bar, sondern, auf, sagen wir, einer Party, und es war auch nicht Spinne, sondern eine flüchtig Bekannte, die mich immerhin dazu brachte, mein Herz auszuschütten oder zumindest einen Bruchteil davon preiszugeben, um mir dann mitzuteilen, ich würde mein Problem umarmen, „laß es einfach los“, „so bist du nicht“. Na danke. (Hoffentlich ist sie keine Leserin des Gurkenzweitblogs.)

    Freilich erscheint die Möglichkeit, bei einem Konzert mit interessanten Menschen und, ja, auch das, vor allem einer interessanten Frau in Kontakt zu treten, noch geringer als beim tadBsuBt, und am Ende trinkt man ja gerade deswegen das Bier nicht zu Hause oder hört die Musik über die Stereoanlage, weil man ja unter Menschen sein will. Ist die Bar am Ende etwa doch der bessere Platz?

    • TheGurkenkaiser schreibt:

      ich kann deine vielen fragen jetzt natürlich nicht so einfach beantworten. aber du stößt einen wichtigen punkt auf: die mischung aus alkohol + lärm + Leute fördert oft eine situation gesteigerter introspektivität.

  3. Pingback: Sammelmappe » Blog Archive » An der Bar

  4. Roland Epple schreibt:

    Ich habe große Praxis mit „angequtscht werden in Kneipen“. Ich bin fast ein Meister wie man mir versicherte. In Heidenheim (mir völlig fremde Stadt(?)) scharten sich junge Menschen um mich. Angefangen mit Jungmänner (Wie Du erwähnt hast). Jetzt der Trick. Bleib da dran! Denn durch diese Typen (die suchen sich jemand wichtigen mit demsie angeben können) kommst Du an die Mädels. Bleib dran, das geht.

  5. Sara Wegstein schreibt:

    Als ich mit 19 Jahren unter schwerstem Liebeskummer litt, aber weder Lust an großen Eisbechern noch aufgrund Entfernung die Möglichkeit zu heilenden Racheakten hatte (damn!), habe ich wochenlang danach die Angewohnheit entwickelt,abends mit dem Zug in die nächste Großstadt zu fahren und mich dort alleine in eine Bar zu setzen um mich in meinem Elend zu suhlen. Da ich zu diesem Zeitpunkt allerdings überzeugte Abstinenzlerin gewesen bin, trank ich dort lediglich zwei Gläser Cola und bin gegen Mitternacht/1 Uhr morgens brav nach Hause. Habe wohl die restlichen Anwesenden jedes Mal unheimlich irritiert (manchmal packte ich zu allem Übel noch ein Buch aus der Tasche).

  6. Pingback: Traurig an der Bar sitzen und Bier trinken 2 | Analysehose aus, Melancholiehose an.

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