Die künstliche Frau

Zu McDonald’s gehen ist das unvernünftigste was man überhaupt tun kann. Zumal für einen Vegetarier. Die Versuchung, einen Burger zu essen ist enorm, denn sie schmecken mir. Ich bin kein Geschmacks-Vegetarier, ich bin, sagen wir’s in aller Härte: Moral-Vegetarier. Die Erzeugung von Fleisch verbraucht soundsoviel Energie und Ressourcen, deshalb verhungern woanders Menschen. Nuancierung ist an dieser Stelle unnötig, denn das ist nicht das Thema, es ist nur mein einziger wirklicher Grund, kein Fleisch zu essen. Also schmeckt, ist aber böse. Widerspruch Nr 1.

Bei Mcd gibt es natürlich noch andere Sachen: Süßigkeiten zum Beispiel. Aber bei denen bekomm ich schon während des Essens das Gefühl, dass mir neue Pickel im Gesicht wachsen und wenn ich 200g Süßkram der Marke MCD esse nehme ich 1kg zu. Getränke? Gibt’s überall sonst. Kommt natürlich mein altlinker, antiamerikanischer, antiimperialistischer Affekt dazu: McD unterstützen? Niemals! Ausbeuter, Imperialisten, Verbrecher! Dass die Widerlichkeit des Kapitalismus nicht mit der Größe und dem Hauptsitz ihrer Konzerne zusammenhängt weiß ich selber. Dass der Gründer Schotte war auch. Aber hier geht’s um Affekte auch wenn sie so albern sind, dass man sie im Moment, in dem man sie empfindet schon widerlegt. Widerspruch Nr. 2.

Es ist Sonntagabend, ich habe den ganzen Tag mit keinem Menschen gesprochen, das Haus nur 1x kurz verlassen um den Block zu radeln, da ein Sturm aufkam, und es ist schön in dieser unruhigen Phase draußen zu sein. Das beruhigt mich (Widerspruch 2,5). Abends fällt mir die Decke auf den Kopf, das überrascht nicht, am Sonntag gibt es keinen Sinn. Denn gibt es auch sonst nicht, aber an allen anderen Tagen funktioniert zumindest die Illusion des Sinns und die reicht vollkommen aus, ich hab da keine Beschwerde vorzutragen. Also setz ich mich ins Auto und fahre sinnlos los. (Widerspruch 3, weil das ja eine Maßnahme gegen die Sinnlosigkeit sein sollte.) Ich komme in der Nachbarstadt am McD vorbei und fahre weiter. Ich komme zurück und bleibe auf dem Parkplatz stehen. Mir gehen die Gedanken aus Absatz 1 dieses Textes durch den Kopf. Es ist sinnlos sagt der Verstand. Aber der Verstand verliert, ich geh nicht rein und fahre nach fünfminütigem Abwägen weiter, in meine Heimatstadt, und gehe in die dortige Filiale der Burgerfabrik.

McD ist für mich libidinös besetzt, das ist wohl die exakteste Formulierung. Magnetisch zieht mich das an genau wie schmutzige Kneipen, Elektrogeschäfte oder der Straßenstrich, wo ich zwar nicht Kunde werde, aber doch immer etwas langsamer fahre um es mir anzugucken. Obwohl ich das rational natürlich schrecklich finde. Bin ja Feminist (Widerspruch 4-6 ca. Jetzt muss ich schätzen).

Aber natürlich ist ja das entscheidende an libidinösen und romantischen und ähnlichen Gefühlen: Sie sind ja gesellschaftlich verpflichtet irrational zu sein! Das bürgerliche Modell der Liebe besteht ja genau darin, als irrational sich ausgeben zu müssen.

Ja, warum die andere Filiale. Die sind ja exakt gleich. (Genau wie deutsche Provinzbahnhöfe übrigens, die mich auch magnetisch anziehen, da war ich heute nämlich auch.) Okay, jetzt muss ich es gestehen: In dieser Filiale arbeitet eine junge Frau von unfassbarer Künstlichkeit. Und wenn es etwas gibt, was mich auf geradezu anzieht auf eine Weise, die über intellektuelle Faszination weit hinausgeht, aber diese auch beinhaltet, dann sind es gekünstelte Frauen. Ich meine damit explizit: gekünstelte Schönheit. Und zwar in einer Weise, die die Künstlichkeit nicht verstecken, sondern im Gegenteil zum Hauptgegenstand ihrer Zurschaustellung macht. Das ist vermutlich sehr sexistisch. Ich könnte jetzt mit Judith Butlers These subversiven Parodie der Künstlichkeit der Geschlechter versuchen, mich rauszureden aber das wäre unehrlich (Widerspruch 7-8). (Nebenbei bemerkt zitiert Butler Fredric Jameson. Der erkennt in der postmodernen Kultur nämlich „Pastiche“ – das ist eine Art Parodie auf einen Stil, aber  ohne witzig zu sein, sein zu wollen, auch wird es nicht witzig verstanden. Star Wars ist für ihn ein Pastiche von 50er-Jahre Sci-Fi-Serien. Im Unterschied zu Judith Butler sieht Jameson darin aber absolut nichts Subversives. Im Gegenteil: Das  Pastiche ist Ausfluss der spätkapitalistischen Konsumkultur und es wird jede Menge Geld damit verdient. Butler zitiert also völlig verkehrt (Widerspruch 1 für Judith Butler).)

Hab ich erwähnt dass ich mit dem Auto unterwegs war? Sexismus ist also auch umweltschädigend.  Zurück zur künstlichen Frau (Einer meiner Lieblingsbuchtitel ist übrigens „Die essbare Frau“ von Margret Atwood. Nie gelesen. Aber der Titel – Top! Nur so ne Assoziation am Rande). Also diese Frau die ich geradezu grotesk künstlich finde, und dabei aber ehrlich schön in einem gar nicht irgendwie „verdrehten“ Sinn, sondern es spricht mich direkt an. Also nicht so wie man experimentelle Musik irgendwie schön findet, sondern wie man die simplen Harmonien eines Van Morrison Songs einfach direkt eingängig findet, wenn man sie denn so empfindet, was ich tue. Also diese Frau ist vor allem sehr stark geschminkt, hat einen Lidstrich der eine Augenform zeichnet, die man vielleicht von Aliendarstellungen in Science-Fiction-Filmen kennt.  Dazu eine kompliziert gesteckte Frisur und übertrieben rote Lippen und eine krass gebleichte Gesichtsfarbei. So was muss man aus der Nähe sehen, wenn man die Gelegenheit dazu hat. Auf jeden Fall bestelle ich mir Profiteroles, obwohl ich Hunger nach einer normalen Mahlzeit habe (Widerspruch soundso). Immerhin nur 2 statt 3 (Pickel! Fett!) und schlinge sie herunter. Dabei habe ich das Gefühl, 20 Kühe die nie natürliches Licht gesehen haben, auf dem Gewissen zu haben. Die künstliche Frau guckt geradezu künstlich in die andere Richtung. Das Essen schmeckt mir. Danach gehe ich auf der Falschen Seite aus dem sich selbst als „Restaurant“ bezeichnenden Etablissements, auf der Seite wo mein Auto nicht steht, aber ich a) noch etwas länger verweilen kann und b) nochmal an der essbaren Frau vorbeikomme und sie mir zum Abschied zunickt.

Ich glaube, dass die Widersprüche dieser Gesellschaft irgendwie in uns eingebaut sind. In unsere libidinösen Setzungen. Und sie beizen uns von innen her aus, das ist anstrengend, aber unvermeidlich. Das heißt aber wir sind nicht unrettbar kapitalistische (oder eben antikapitalistische) Subjekte. Das bitte merken für die nächste Revolution. Denn das wird ihr Antrieb sein, vielleicht nicht ihr einziger, aber ihr heimlicher. Vermutlich ist das hier psychologistischer Quatsch. Aber ab morgen bin ich wieder vernünftig und dann sag  ich wieder Sachen mit Sinn. Und zu Mittag gibt’s Salat mit Vollkornbrot.

Coda:

Weil die Anhäufung von Widersprüchen zwischen Gesellschaft und Subjekten, Gesellschaft und Gesellschaft und innerhalb von Subjekten fast so schwer im Magen liegen wie die Gurken von McDonald’s Hamburgern, gibt es jetzt Musik. Musik, die auf maximal behämmerte Weise ihre eigene Naivität zelebriert. Extreme muss man mit Extremen bekämpfen. Deshalb jetzt  Jonathan Richman – That Summer Feeling. Gewidmet meiner geliebten künstlichen Frau vom McDonald‘s:

Advertisements

Über TheGurkenkaiser

Das wird man ja wohl noch verteufeln dürfen!
Dieser Beitrag wurde unter Erfahrungen abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Die künstliche Frau

  1. Lucie schreibt:

    Übrigens liebe ich diesen Text. Und nicht nur, weil er mir das Konzept des Pastiche wieder in Erinnerung gerufen hat. Danach hab ich – gefühlt – die letzten fünf Jahre alle paar Monate gesucht, aber nie fiel mir das Wort ein. Toll. Pastiche fasziniert mich sehr.

    • TheGurkenkaiser schreibt:

      Also der Text von Jameson in dem er das konzept beschreibt ist sehr lesenswert. Er heißt „Postmodernism, or The Cultural Logic of
      Late Capitalism“ hier eine version: http://classweb.gmu.edu/sandrew3/misc/nlr142jameson_postmodernism.pdf. es zirkulieren verschiedene versionen von sehr unterschiedlicher länge durchs netz, ich weiß nicht welches das „original“ ist, was aber angesichts des themas ja eine angemessene verwirrung ist.
      ich habe von dem konzept durch judith butler erfahren und erst später bemerkt, dass sie jamesons argument quasi umdreht: aus einem ausfluss eines bestimmten regimes des kapitalismus bastelt Butler ein subversives Spiel. lustig eigentlich. ich hab mal gehört, dass butler sich angeblich absichtlich theoretische konzepte falsch aneignet. auch ne lustige ide.

      Jamesons Text finde ich jedenfalls sehr erhellend. Es ist eine Theorie der Postmoderne mit klaren Aussagen, aber keine postmoderne Theorie.

      danke für das lob.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s