Wie man die Zeche prellt. Tipps vom Profi.

Eine Eigenschaft die an mir gelegentlich besonders gefunden wird – zurecht, denk ich – ist die Heterogenität meines Freundeskreises. Ich komme hervorragend klar mit politisch aktiven Hauptstadtfeministinnen genauso wie mit einigen der Dorfprolls, mit denen ich aufgewachsen bin. Vor allem mit einem bestimmten, um den es jetzt gehen soll. Sein Name ist A. A. und ich sind zusammen aufs Gymnasium gegangen, dass er im Gegensatz zu mir nicht beendet hat. Stattdessen schwamm er sozusagen eineinhalb Jahrzehnte durch das bayerische Schulsystem. Kaum eine Schulform, die er nicht besucht hat. Am Ende stand er irgendwie mit Fachabitur da. Damit war er im nächsten Verweilsystem angekommen, der FH, an der er immer noch, bzw. inzwischen nicht mehr und jetzt doch wieder studiert. Also angeblich wirklich studiert, nicht: „studiert“ mit Anführungszeichen. Ich bewundere A. weil er seiner Unlust irgendwas zu machen, so freien Lauf erlaubt, wie ich es mich zum Beispiel gar nicht trauen würde.

Wenig überraschend ist er dem Alkohol zugetan, dem THC früher auch, aber nicht mehr. Ich habe ihn in den letzten Jahren nicht einmal nüchtern erlebt, dafür aber gelegentlich sehr betrunken. Gut, da mag es einen Bias geben, wenn man sich fast ausschließlich an Wochenenden und vor Feiertagen sieht. A. ist aber kein Kleinkrimineller, so ziemlich die einzige Personengruppe, die sich in meinem Freundeskreis nicht findet. Nicht aus moralischen Gründen, auch nicht, weil sich meine Kreise mit solchen Leuten nicht kreuzen würden. Ich kannte einige. Aber sie sind anstrengend. Wollen immer was – hier, pinkel mal bitte für mich ins Röhrchen, kriegst auch n fast neues Autoradio, kommst du mit den Münzautomat vom Sonnenstudio knacken? Nein, interessiert mich nicht. Zu anstrengend.

Aber zurück zu A. Hab ich erwähnt, er trinkt viel? Und nicht nur das. Er wird aggressiv. Und anstrengend, manchmal auch anhänglich. Trotzdem hat er aber überraschend originelle Ideen. Hab ich grade Kleinkriminelle verteufelt? Ich nehm das ein Stück zurück.

Die Geschichte beginnt als der Abend für mich eigentlich schon lang! hätte Enden müssen, gegen 4 Uhr früh in A.s und meiner gemeinsamen Heimatstadt. A. steckte noch voller Energien und das war der Grund, warum sie mir fehlten. Ich hatte ihn gerade unter erheblichem rhetorischem und körperlichem Aufwand davon abgehalten, mit einem Metallaschenbecher einen großen Glasspiegel im Eingangsbereich einer lächerlichen Disko, in der wir eben getrunken hatten und zu den letzten Gästen gehörten, einzuschlagen. Der Besitzer des Etablissements hätte sich A. gegenüber ungebührlich verhalten entnahm ich seinem Begründungsgebrabbel. Die wahre Motivation für den Plan war natürlich reine Lust am Zerstören, enthemmt durch unzählige Biere. Ich konnte ihn dennoch abhalten, wie gesagt. Wir gingen ein paar Schritte Richtung seiner Wohnung wo wir zu schlafen gedacht – Nein, ich hingehen und zu schlafen gedachte. Plötzlich drehte sich A. um und rannte zurück zur Disko. Okay, denk ich, wenn es unbedingt sein muss, soll er halt. Ist mir doch jetzt egal. Aber A. war zumindest teilweise zur Vernunft gekommen und statt Scherben spendierte er dem Eingangsbereich der Disko nur ein wenig Urin. Letzterer muss aber natürlich nachgefüllt werden. Und so steuerte A. auf eine der wenigen Kneipen (in Bayern sagt man: Boazn zu solchen Lokalen) zu, die noch nicht zu hatten. Ich stöhnte. Ich konnte kaum noch gehen. Woher nimmt der Mann die Energie? Und das Geld. Aber das mit dem Geld war anders, denn pass auf: Der vollrauschige A. kam plötzlich in einer erstaunlichen Klarheit mit folgendem Plan raus:

„Pass auf Jung. Wir gehen jetzt da rein – aber nicht zusammen. Mit 5 Minuten Abstand. Wir bestellen beide ein Bier und trinken es, ohne miteinander zu sprechen. So als ob wir uns nicht kennen. Dann, wenn wir beide fast ausgetrunken haben, stehst Du auf und rennst raus und haust die Tür zu. Dann spring ich auf und schrei: ‚He die Sau schnapp ich mir, der hat nicht gezahlt!‘ und renne hinter dir her. Und dann geh ma heim.“

Wir haben es nicht gemacht. Aber ich bin noch immer so entzückt von seiner Originalität, dass ich ihn gerne mal durchführen würde. Jemand dabei?

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Über TheGurkenkaiser

Das wird man ja wohl noch verteufeln dürfen!
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